22.11.2020

Gestern mache ich einen Spaziergang um den Aasee, wie alle anderen 300 000 Münsteraner. Ich kann berichten, der neue Trend ist, ein Heißgetränk beim Gehen in der Hand zu tragen. Fast wie im New York der 90er Jahre, nur ist es bei uns, weil man sich nirgends hinsetzen darf, nicht weil wir so verdammt viel zu tun haben. Das nächste Mal am Aasee bringe ich ein nosing glass mit und einen Dekanter Single-Malt. Man muss ja mit der Zeit gehen. Aber auch ohne die Stimulanz von Hochgebranntem, kam mir angesichts der vielen, lebhaften Kinder, die manche Menschen fahrlässig mitführten, eine brillante Idee: Wir könnten ein Gesetz einführen, dass Kinder beiderlei (oder vielerlei) Geschlechts bis zum Alter von 18 Jahren nur einen formlosen, knöchellangen, grauen Wollsack tragen dürfen. Dies hätte mehrere und bedeutende Vorteile. Zum ersten müssten die Eltern sich keine Gedanken mehr machen, was sie ihren kleinen Lieblingen anziehen. Zum zweiten wäre, da alle Kinder gleich gekleidet sind, der erbärmliche Mode- und Statuswettbewerb in Schule und Freizeit aufgehoben. Arm und Reich wären gleich gekleidet. Durch die Form des Wollsacks wären Kinder und Jugendliche in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt und könnten nicht mehr so viel Unsinn und Schrecken verbreiten. Durch eine rote Identifikationszahl auf dem Sack, wäre es jedem Erwachsenen möglich, das Kind im Bedarfsfall bei der Polizei oder dem Ordnungsamt eindeutig anzuzeigen. Die grausamen Kleidungsfabriken in Bangladesch und andernorts müssten ihren Betrieb einstellen. Dies sind nur die Vorzüge einer solchen Verordnung, die mir ad hoc einfallen, es gibt sicherlich noch tausende weitere. Zum Beispiel würde die wenig zum Sexspiel und Erkundung des knospenden Körpers (ob dem eigenen oder dem des Gegenübers) einladende Umhüllung des Sacks, auch der Verbreitung der widerwärtigen Igelgrippe Einhalt gebieten. Nachteile sind mir selbst bei tiefgehendem Nachdenken nicht in den Sinn gekommen.

Ich bin mir bewusst, dass meine Idee nicht überall auf uneingeschränkte Zustimmung stoßen wird. In manchen Teilen der Bevölkerung mag sie sogar Widerspruch und Ablehnung erzeugen. Ein digitaler Sturm der fäkalen Entrüstung könnte sich über mein bescheidenes Haupt ergießen. Aber für die gute Sache bin ich hundertprozentig bereit, dieses Unbill zu wettern. Denn ich bin stark und tapfer und aufrecht und weiß die Macht der Geschichte hinter mir. Hier stehe ich, ich kann nicht anders. Und sie dreht sich doch. Es ist dieses Rückgrat, das uns befähigt, die Geschicke der Nation in neue Bahnen zu lenken, und welches so schmerzlich vermisst wird in vielen, vielen aktuellen Debatten, die momentan die Geister erhitzen, wie zum Exemplio die Ausbreitung der Igelgrippe und verwandte Seuchen. Viele denken anders, als es die Meinungsposaunen der herrschenden Klassen verkünden, und trauen sich nicht, ihren eigenen Worten Laut und Luft zu machen. Dazu will ich mit meinem Beispiel ermuntern. Und mögen sie mich auch zerfetzen auf dem Altar der Allgemeinheit, Gedanken und Glauben lassen sich nicht ermorden. Hugh, ich habe gesprochen.

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