Tagebuch

Makedonische Liebesgeschichte

Auf HELLAS POSTE RESTANTE präsentieren wir zurzeit eine Weltsensation, eine waschechte Liebesgeschichte in Ansichtskarten.

Vor einiger Zeit hatte ich ein Konvolut von acht Ansichtskarten erworben. Bei näherer Durchsicht fiel mir auf, dass drei von ihnen die Liebesgeschichte zwischen einem Griechen aus Thessaloniki und einer Schweizerin in Schaffhausen erzählen, über einen Zeitraum von fast zwanzig Jahren.

Die erste Karte ist von 1956. Hier wünscht ein Paul (Pavlos) der Schweizer Familie H. ein schönes Weihnachtsfest.

Das nächste Kapitel, die Karte von 1958, ist das Leidenschaftlichste. Pavlos schreibt der Angebeteten Vreni H. aus Thessaloniki. Es ist ein kalter November wohl, sie soll bloß gesund bleiben, erst im nächsten Februar können sie sich wiedersehen. Wo haben sie sich wohl kennengelernt? In Griechenland? Oder in der Schweiz? Hat Pavlos dort gearbeitet? Und Deutsch gelernt? Jedenfalls verzehrt er sich nach seinem Liebling.

1974, 16 Jahre, später scheint alles in trockenen Tüchern. Die letzte Karte geht an den Patriarchen Hermann H., der, wie es aussieht, alleine in Schaffhausen geblieben ist, während Vreni, Pavlos und (Mutter?) Ruth der Heimat von Paul (Thessaloniki) einen Besuch abstatten. Das Wetter ist natürlich einmalig. Es gibt Grüße von Paul, Ruth und Vreni an den armen Hermann, der daheim bleiben musste, oder sich vielleicht endlich mal in Ruhe den Rosen im Garten oder dem Bier vor dem Fernseher widmen konnte.

Was weiter mit Pavlos und Vreni und Familie H. geschah? Das sei der Phantasie meiner Leser überlassen. Falls Ihr mich fragt, ich bin mir sicher, sie lieben sich heute noch innig, sind über 100 Jahre alt und küssen sich jeden Abend auf ihrer Dachterrasse am Leoforos Nikis beim Betrachten des Sonnenuntergangs über dem Thermaischen Golf. Bravo!

Weitere Liebesgeschichten und Ansichtskarten gibt es auf Poste Restante.

Jesus von Matera

ein metaphysischer Reisebericht

Ich muss gestehen, ich hatte mir, wie viele Leute heutzutage, mein persönliches Welt- und Glaubensbild zusammengeklöppelt, ohne logische Stringenz, ohne kulturelle Stimmigkeit, ohne philosophische Disziplin, wie ein etwas unappetitlich aufgehäufter Teller beim China-Buffet. Vielleicht konnte ich mich damals bestenfalls als optimistischen Agnostiker bezeichnen; das heißt, ich hätte mich gerne und positiv überraschen lassen, sollte es ein Leben nach dem Tode oder eine moralische Instanz außerhalb unserer bescheidenen Existenz geben. Bei einem Besuch in der Basilikata, dem Landstrich in Süditalien, vor ein paar Jahren, traf ich jedoch einen Mann, dessen Erfahrungen und Erlebnisse man nicht unbedingt als übernatürlich oder gar heilig bezeichnen möchte, die nichtsdestotrotz meine zuvor skeptischen, eher atheistischen, wissenschaftlichen Überzeugungen ins Wanken brachten, und an jenem Abend blickte ich in den Nachthimmel und es schien mir, als wäre doch etwas hinter den Sternen zu schauen.

Wir kamen am Nachmittag eines heißen Augusttages mit dem Zug aus Bari in Matera an. Noch war nichts von der versprochenen Höhlen- und Höllenstadt zu sehen. Der kleine Bahnhof, zwei Gleise, war neu und unterirdisch, wegen des Weltkulturerbes, und hässlich. Und außerdem nicht fertig geworden. Ach, diese Italiener! Aber reden wir nicht von Flughäfen. Als wir mit der Rolltreppe ans Tageslicht kamen, sahen wir den alten Bahnhof, ein bescheidenes, schmuckes Häuschen, er sah eben ganz so aus, wie die anderen Bahnhöfe an der Strecke, viel schöner als das bunte, eckige Protzding. Nun hielten daneben nur noch die Busse. Die Gegend um den Bahnhof war, wie in vielen Städten, kein Schmuckstück, besonders arg war es hier aber auch nicht. Wie eine stinknormale Kleinstadt, so sah es hier aus. Abschüssig ging die Straße an vielen Geschäften vorbei zum Hauptplatz. Wann würde es denn endlich barock werden? Wann würde sich der Blick eröffnen auf das schwarz-weiße Jerusalem? Auf das Jammerelend von Dr. Levi?

Am Hauptplatz, den man sicherlich nicht als square bezeichnen könnte, eher war es ein Rhombus oder eine noch ausgefallenere geometrische Figur, wurde es schon viel barocker. Und Touristen wuselten wie Ameisen, mit Eiscremehörnchen und anderen Leckereien in den klebrigen Händen. Doch ein Jerusalem war es immer noch nicht. Die Häuser, obwohl teilweise schon im honigfarbenen Sandsteinton, waren hoch und staatstragend. Ein Haus verkündete von Amtswegen gar die Zeit mit einer großen Zifferuhr, um Unabhängigkeit von Gott zu demonstrieren. Wo waren denn nun die Höhlen? Wir folgten – ich hatte noch einmal den Zuhause gemachten Ausdruck von Google-Maps konsultiert – den Schildern zur Kathedrale. Nun ging es erst einmal wieder bergan. Zwei parallele Straßen, zu Fußgängerzonen veredelt oder -elendet, zogen den Berg hinauf. Die Rollkoffer machten Krach mit dem Pflaster. Aber was will man machen? Schweiß ran mir von den Schläfen. Doch so vermessen, es via dolorosa zu nennen, bin ich nicht. Der Rollkoffer war kein Kruzifix. Und sicherlich wartete da oben kein Golgotha, sondern schlimmstenfalls eine Ferienwohnung ohne Gratis-Mineralwasser im Kühlschrank. Weit und breit kein Essigschwamm.

Jetzt gaben endlich die diametralen Nebenstraßen, die Lücken, die sie zwischen die Häuserzeilen stießen, gelegentlich den Blick auf das u-förmige Tal frei, in dessen Hängen die eigentliche Stadt Matera lag, beziehungsweise die Sassi. Hier hatten sich schon vor tausenden von Jahren die Menschen Behausungen in den weichen Fels gebohrt. Wie Steinzeithöhlen sah das selbstverständlich nicht mehr aus, denn vor die Höhlen hatte man Fassaden errichtet, teilweise prächtige, teilweise schlichte, die meisten zur Hochzeit Materas im Stile des Barock. Selbst Kirchen waren auf diese Art in den bröseligen Stein gebuddelt worden, mit bunten Fresken an den abgeschabten Wänden, die, laut Reiseführer, einen schwäbischen Kunstlehrer derart in Versuchung gebracht hatten, dass er einige Fresken losbrach und mit seinem VW-Bulli in den hohen Norden über die Grenze bringen wollte. Welcher Teufel mag ihm da ins Ohr geflüstert haben?

Als wir später eine dieser Kirchen in den Sassi genauer besichtigten (es gab eine Sammelkarte, bei der man sparte, anstatt alle drei oder vier Kirchen-Eintritte einzeln zu lösen), beeindruckten mich am meisten die ‚draining chairs (laut Faltblatt auf Englisch), schmale Nischen im unteren Gewölbe, in die sie die verstorbenen Priester setzten, wo diese dann durch Abfluss der Leibesflüssigkeiten und ein günstiges Mikroklima sich selbst mumifizierten. Angehende Pater hielten dann im Angesicht ihrer verblichenen und vertrockneten Vorgänger die Nachtwache vor der Weihe. Bin ich bereit? Memento mori. Schloss ich die Augen, spürte ich, mehr als ich sah, durch die dünne Haut der Lider das Flackern der Kerzen in den knöchernen Nasenlöchern ihrer Gebeine. In Palermo kann man wohl ganze Katakomben solch entleerter Leichen betrachten – der erst nur von Geistlichen praktizierte Brauch wurde zum Trend -, aber in Matera sahen wir nur die unbesetzten Nischen, reiner Stein, gänzlich frei von jeglichen Flüssigkeiten oder etwaigen Gerüchen. Trotzdem gruselig.

Aber jetzt galt es erst einmal, unsere Ferienhöhle zu finden, was sich aufgrund der mittelalterlichen Straßenführung, auf und ab natürlich an den Hängen, und der unzulänglichen und viel zu winzig ausgedruckten Karte von Google-Maps schwierig gestaltete. Auch wollte der Rollkoffer, nachdem er einmal die Anhöhe hinauf zur imposant, monolithischen Hauptkirche, der Kathedrale, genommen hatte, ungern auf unebenen Pflastersteinen auf der anderen Seite hinab, beziehungsweise die schweißnasse Hand, die ihn führte, weigerte sich. Mit dem Stofftaschentuch verrieb ich mir den Schweiß mit dem Sonnenöl im hochroten Gesicht und blinzelte schwer atmend umher. In einem schmalen Innenhof, durch ein steinernes Tor und eine kurze, steile Treppe neben der Kathedrale zu erreichen, sah ich ein von Sonne und Wind und auch wahrscheinlich von gelegentlichem Regen verwittertes Holzschild, auf dem mit einiger Mühe der Name unserer Pension zu entziffern war. Wir schleppten die schweren Koffer die abgetretene Treppe hinab. Treppe, Tor und die Häuser im Hof waren von grauem Stein, der im Gegensatz zum allgegenwärtigen Sandstein viel härter und kühler wirkte. Es gab auch Schatten im Hof, trotzdem war es immer noch sehr, sehr heiß. Ich klopfte an der Tür unter dem alten Holzschild, eine Klingel war nicht auszumachen, und fast sofort hörte ich Stimmen, hohe, schnelle, und tiefe, langsame, und ein Mann öffnete die Tür. Zwischen 50 und 60 Jahre alt, graue Haare, auf den ersten Blick freundlich, sah er uns fragend an. Er sprach stockend Englisch, und ich kann gar kein Italienisch, bis auf ‚Guten Tag‘, ‚Danke‘ und ‚Wann fährt der nächste Autobus?‘, trotzdem war schnell klar, dass wir am richtigen Ort waren. Schon hatte er den Koffer meiner Frau ergriffen und wuchtete ihn durch seine Wohnung, denn die lag hinter der Tür unter dem Holzschild, und wir folgten ihm; ich meinen eigenen, schweren Koffer nur mit Mühe durch die engen Flure und mit Möbel und anderen Dinge vollgestopften Zimmer bugsierend. Die Familie war wohl gerade zum Fernsehen im Wohnzimmer versammelt, es ging so rasch an ihnen vorbei, dass ich vielleicht eine zierliche Frau mit kurzen schwarzen Haaren und zwei wohlgenährte Teenager, ein Mädchen, ein Junge, vor Snacks, Keksen und Limonade sitzen sah. Beschwören hätte ich es nicht können. Man nickte sich zu, dann waren wir auf der anderen Seite des Hauses auch schon wieder hinaus, sprich auf einer unebenen Terrasse, von der wiederum eine noch schmalere und unebenere Treppe runter auf den ungefähr drei Meter breiten Fußweg (mag sein, dass hier im Mittelalter und danach auch Kutschen und Maultiere passierten) führte, der herab von der Kathedrale in einigen Windungen zur Talsohle mäanderte. Auf der einen Seite war der Weg begrenzt von einer niedrigen Mauer, dahinter fiel der Hang steil ab, so dass man einen prächtigen Panoramablick über die Sassi dieser Hälfte von Matera hatte, eine Honigwabe aus Stein und Glauben, Kuben aus denen wenige Campanili ragten; auf der unsrigen Seite war es das steile letzte Stückchen der Talwand, von einer Mauer umgürtet, die die schwere Kathedrale oben zu stützen schien, durchbrochen von eben jener Treppe und Terrasse und darunter, auf Wegesebene, die Tür in unsere Ferienhöhle, die unser Vermieter nun aufschloss.

Neben der Tür befanden sich rechts und links jeweils nur zwei winzige Fenster. Der Mann bat uns hinein. Die Höhle bestand aus drei Bereichen. Wo wir hineinkamen, gab es ein Waschbecken, einen Kühlschrank (und ja, eine Gratis-Flasche Mineralwasser wartete darin) und zwei Gasringe zum Kochen, nebst Töpfen, Espressokanne, Geschirr, Besteck etcetera. Rechts davon ging es ein paar Stufen hinauf in das Schlafzimmer, niedrig und fast komplett ausgefüllt von einem Doppelbett; links gab es eine Ausbucht in der Höhle, wie die Privatkapelle in einer Kirche, mit Sitzecke und Esstisch. Alles sehr gemütlich. Unser Gastgeber, der uns dies zeigte und sich nun vorstellte als Signor Otello Spaziani, bat uns, mehr mit Gesten, denn mit Worten, am Tisch Platz zu nehmen, um den Mietvertrag zu unterzeichnen und, das Allerwichtigste, die drei Übernachtungen zu bezahlen. Nachdem das Formelle erledigt war, zeigte sich, dass nicht nur eine Flasche Mineralwasser im Kühlschrank wartete, sondern ebenso ein guter apulischer Weißer, den Otello zur Feier der glücklich abgeschlossenen Vertrages mit uns nun zu kosten gewillt war. Meine Frau holte drei Weingläser aus dem offenen Regal, mehr hatte die Höhle auch nicht zu bieten

Viele Jahrzehnte lang war Matera ein Ort des Elends, der Armut und der Verbannung gewesen. Nun taten sich Ladeninhaber, Restaurateurs und Hoteliers am Weltkulturerbe gütlich. Wir waren aufgrund der Empfehlung einer Freundin meiner Frau von Bari, dem Heiligen Nikolaus, und der apulischen Küste hier hoch gefahren, mit der alten Schmalspurbahn, und hatten knapp die Dreharbeiten für den neuen James-Bond-Film verpasst. Materas eigentliche claims to fame aber waren der literarische Bericht ‚Christus kam nur bis Eboli‘ von Carlo Levi, in dem er vor allem das Entsetzen seiner Schwester über die hygienischen Bedingungen der Armen, die in den klammen, stickigen Höhlen von Matera wie Überbleibsel aus vergangenen, leprösen Jahrhunderten hausten, schilderte, und am Allermeisten der Jesus-Film von Pier Paolo Pasolini. Levi war in den vierziger Jahren vom Mussolini-Regime wegen kommunistischer und schwuler Umtriebe in den unterentwickelten Süden Italiens verbannt worden. Pasolini machte 1963 Matera zum neuen Jerusalem, in der Verfilmung seiner Passion Christi, dem Evangelium nach Matthäus, weil ihm das echte Jerusalem zu kommerziell und ungeeignet erschien. So ward Matera, jedenfalls der Ansicht nach, weltberühmt. Tatsächlich erinnerten mich vor allem in den blauen Stunden am Abend die beinahe kykladisch anmutenden (wenn sie nicht bloß so honiggelb gewesen wären) kubistischen Höhlenfassaden Materas sehr an das berühmte Bild ‚Das Gebet Jesu in Gethsemane‘, von dem eine Reproduktion im Schlafzimmer meines Großonkels im Sauerland über dem Bett hing.

Ob wir den Film gesehen hätten, fragte uns nach dem zweiten Glas Wein, die Flasche war nun leider schon fast zur Neige, Otello. Ihm hatte der Alkohol die Zunge für Fremdsprachen gelöst und er sprach jetzt beinahe mehr als passabel Englisch, sehr gestenreich, nur mit dem Verstehen hatte er einige Schwierigkeit. Unsere Antwort: wir hatten mal angefangen, bei Youtube eine ziemlich schlechte Kopie von Il Vangelo secondo Matteo‚ auf Italienisch mit deutschen Untertitel zu schauen, aber nach ungefähr einer halben Stunde aufgegeben. Diesen komplizierten Sachverhalt in simple English darzulegen war nicht einfach, aber Otello gab sich damit zufrieden, meine Antwort als einfaches ‚Ja‘ hinzunehmen. Er nickte erfreut. Dann nahm er einen tiefen Schluck aus dem Weinglas, setzte sich gerade auf und machte ein feierliches Gesicht, wie ein Dompropst bei der Priesterweihe. Ich war dabei, sagte er ruhig, aber kraftvoll, und erwartete unsere andachtsvolle, bewundernde Reaktion. Die wir ihm freimütig gaben. Es war ja bekannt, dass Pasolini seinen Bibelfilm größtenteils mit Laien aus der Region besetzte, in deren Gesichtern er jene prä-industriellen Züge gefunden hatte, auf die er scharf war. Wofür Armut und Vernachlässigung doch gut sein kann. Ich schaute Otello offen und neugierig an. So prä-industriell sah er gar nicht aus, nicht gerade in dem Maße wonnig-proppig wie ich, aber doch wohl genährt. Mit seinen grauen Schläfen und den freundlichen Falten um Augen und Mundwinkel hatte ich ihn ja oben auf Mitte 50 geschätzt. War er so viel älter? Pasolinis Film, erinnerte ich mich vage, war von neunzehnhundertdreiund- oder vierundsechzig. Otello schien meine Gedanken lesen zu können. Ratet mal, wer ich war, im Film, fragte er genüsslich, voller Vorfreude auf einen Triumph. Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Und meiner Frau gleichzeitig auch. Doch nicht etwa…? stammelten wir bewundernd. Ich war Jesus, das Baby, der kleine Jesus. Otello haute mit der flachen Hand auf den runden, wackligen Tisch und lehnte sich siegreich zurück. Mit Jesus an einem Tisch? Das musste begossen werden. Der Weißwein war alle, aber ich hatte vorsorglich in Bari im Supermarkt eingekauft und kramte schnell eine Flasche Anisschnaps aus meinem Koffer und goss uns, bevor er in die Verlegenheit kommen konnte, Wasser in Wein verwandeln zu müssen, allen ein. Saluti. Otello lächelte uns ernst und huldvoll an, offensichtlich war er bereit für eine Audienz, beziehungsweise in der Stimmung, seine Erfahrung zu schildern.

Mein Vater war Zimmermann. Mein Vater war Zimmermann, hier in Matera, seine Geschäfte gingen nicht so prächtig, mehr so lala. Es wurden viele Hochhäuser gebaut, die Leute sollten aus den Sassi, aber die ganzen Aufträge gingen an große Firmen aus Palermo und Neapel. Si certo, Mafia. Meine Mutter war noch sehr jung, als sie geheiratet haben. Eine Kusine. Paolo – alle in Matera nannten ihn Paolo – kam das erste Mal im März 1963 nach Matera, da war meine Mutter hochschwanger. Er tätschelte ihr den Bauch und sagte ihr, vielleicht wird dein Baby der kleine Jesus. Mama dachte, das wäre ein Scherz und lachte, aber Paolo lachte nicht. Er war todernst. Wie mein Vater, der hieß Marcello, der war auch todernst, denn er hatte sehr viel Angst gehabt, er könne gar keine Kinder kriegen, weil ihm ein Balken auf die Eier gefallen war und jetzt war Mama schwanger. Ich hatte später Geschwister, nachdem er beim Arzt gewesen war, aber die sahen alle anders aus als ich. Bene. Papa war sehr eifersüchtig, weil er dachte, so eine junge Frau wie Mama, die müsste sich anderswo amüsieren. Aber das glaube ich nicht, meine Mama war eine Heilige. Das waren irgendwie die Gene. Paolo fing an, sich die Leute und die Häuser anzusehen. Er hatte ein dickes Auto, einen roten Lamborghini. Damit kam er natürlich nicht hier runter bis in die Sassi. Da musste er schon zu Fuß gehen, Sonnenbrille, Zigarette im Mund, Jacke über die Schulter. Ein Stronzo aus Rom, dachten alle. Da wusste noch keiner, dass er schwul war.

Ich sah meine Frau an. Otello trank sich ein Schlückchen, um sich die Kehle zu befeuchten. Das hast du aber nicht alles selber erlebt, nutzte ich die Gelegenheit, zu fragen. Nein, nein. Otello war etwas irritiert. Natürlich nicht, ich war ja nicht mal geboren, das haben mir andere später erzählt. Soll ich jetzt weiter….? Wir nickten eifrig und guckten besonders interessiert und aufmerksam.

Also irgendwann stand alles fest. Der Jesus, die Maria, der Josef, der Judas – der Wichtigste, oder? – und alle Esel und alle Häuser hier in Matera. Die Dreharbeiten sollten anfangen am 1. Juli 1963. Die dicken Lastwagen voller Kameras und Licht rollten in die Stadt. Nur der kleine Jesus, der war noch in Mamas Bauch. Das war ich. Paolo war ungeduldig. Er glaubte ja nicht an Gott, sondern nur an Karl Marx, aber irgendwann ging er trotzdem in jede Kirche in Matera und zündete überall eine Kerze an. Er hat sogar eine Nacht unten in der Katakombe gesessen, in einer der Nischen, wo früher die Mumien waren und hat gebetet. Bring mir mein Jesuslein! Und er hat geweint. Da ist der Erzengel Gabriel gekommen und hat ihn getröstet.

Ich musste aufpassen, mich nicht an meinem Anisschnaps zu verschlucken. Otello sah uns nur milde lächelnd an, als sei er selber der Erzengel Gabriel, schüttelte sanft den Kopf – Oh, ihr Kleingläubigen! – und fuhr mit seiner Schilderung fort. Er hatte uns fest am Haken, das spürte er genau.

Ja, der Herrgott hat ihn erhört, denn am 21. Juni wurde ich geboren, und hab somit die Dreharbeiten gerettet. Und soll ich euch sagen, wo ich geboren wurde? In einem Schweinestall. Allerdings war der umgebaut. In dem Film die Frau, Maria, ist übrigens nicht meine Mutter, sondern ein Mädchen aus Rom, die hieß Margharita Caruso. Die war nur 13 Jahre älter als ich. Später ist sie angeblich auf den Strich gegangen, weil sie keine Rollen mehr bekommen hat. Mamma mia.

Wie Otello blickten wir traurig drein und tranken Anisschnaps. Dann war alles wieder gut. Es ging ja nicht um Maria, sondern um den kleinen Otello, der Jesus gewesen war. Unglaublich, sagte ich strahlend zu meiner Frau, wir sitzen hier neben einem waschechten Messias. Aber meine Frau, die bekennende Atheistin ist, war nicht so leicht so begeistern und legte eine nahezu aufklärerische Skepsis an den Tag. Ich dachte, sagte sie, in Matera früher gab es überhaupt keine Schweineställe. Haben die Schweine nicht bei den Menschen unter dem Ehebett gewohnt? In der Tat stand so etwas im Reiseführer, und später besichtigten wir sogar so eine zum Museum restaurierte Wohnhöhle, in dem eine phantasiebegabte Nase in der Lage war, noch einen Hauch von pork in der feuchten Luft zu erschnüffeln. Otello war gar nicht beleidigt, nur voll milder Vergebung, angesichts solch nordeuropäischem Agnostizismus. Das Wunderbarste habt ihr noch gar nicht gehört, meinte er und ließ den Schweinestall links liegen, nahm einen Schluck, schaute uns herausfordernd an, und wir spitzten brav die Ohren in Erwartung der zu schildernden Mirakel.

Am Anfang hatte ich ein ganz normales Leben, nach den Dreharbeiten, von denen ich ja gar nichts mitbekam. Ich wuchs auf, ging zur Schule, bekam ein paar Geschwister. Nichts Besonderes. Ich war kein guter Schüler, und auch kein schlechter. Meine Mama wollte, dass ich aufs Gymnasium gehe und Priester werde – ihr waren die Dreharbeiten irgendwie zu Kopf gestiegen -, aber Papa meinte, er bräuchte mich in der Werkstatt und auf der Baustelle. Also ging ich mit 16 von der Schule ab und wurde Zimmermann, so wie er. Tja, was soll ich sagen, ich war ein schüchterner Mann, ging kaum in die Kneipe, hatte keine Freundin und kein Moped. Ich wohnte noch zuhause bei Mama und die Leute machten sich ein bisschen über mich lustig. Aber mit 33 wurde alles anders. Ich lernte einen Typen aus Bari kennen, der hieß Pietro. Und dann war ich in einer Clique. Wir waren so zwölf, dreizehn junge Männer. Das war ziemlich lustig, wir waren zusammen auf Hochzeiten und so, fuhren ans Meer, nach Bari oder Lecce. Kurz vor Ostern 1997 machten wir eine große Party, es gab viel Wein und Pizza. Am nächsten Tag musste ich auf die Baustelle, und was ist passiert?

Meine Frau und ich hielten den Atem an. Wir wagten es nicht, einen Schluck Anis zu kippen, oder von den Erdnüssen, die in einer Schale auf dem Tisch standen zu nehmen. Otello hatte die Augen geschlossen, er war gänzlich in seiner Erinnerung versunken.

Was ist passiert? Mein Kumpel Elio Sestili, der auch auf der Party war, aber eher gegangen ist, hat mich mit der Druckluftpistole an den Querbalken über einer Tür im dritten Stock genagelt. Hier durch die rechte Handfläche.

Otello zeigte uns die Narbe, die uns vorher gar nicht aufgefallen war. Die Augen meiner Frau wurden riesengroß. Ich guckte bestimmt genauso belämmert. Unsere Beklemmung machte sich Luft in lauten Stoßseufzern.

Ich hing also mit einer Hand an den Balken genagelt, die Leiter hatte ich mich den Füßen weggestoßen, und fiel in Ohnmacht. Gottseidank hat mich ein Typ aus Rom dann runtergeholt. Drei Tage lag ich im Koma. Die Ärzte hatten mich schon aufgegeben. Da kam meine Mama mit einem Linseneintopf, schön mit Essig, ins Krankenhaus und das hat mich wohl aufgeweckt. Was sagt ihr dazu?

Meine Frau und ich waren sprachlos, aber Otello hatte wohl auch nur rhetorisch gefragt und erwartete keine Antwort. Unsere von heiliger Erschütterung strahlenden Gesichter waren ihm Antwort genug. Und was ist dann passiert, fragte ich irgendwann stammelnd. Nichts Besonderes, meinte Otello und stand langsam auf. Der Anisschnaps war wunderbarerweise nun auch ganz geleert, und er schien nicht in der Laune, die Sache mit den Broten und den Fischen zu wiederholen. Nichts Besonderes. Ich hab geheiratet, Kinder bekommen, dieses Haus unter der Kathedrale gekauft, es zu einer Pension umgebaut, die ich jetzt vermiete. Ich lass‘ Euch jetzt mal alleine, ihr müsst müde sein, von der langen Reise und von der Hitze. Falls ihr irgendwas braucht… er zeigte mit dem Finger nach oben. Das Geld für die Übernachtungen hatte er schon eingesteckt. Wir bedankten uns und Otello verließ uns durch die Höhlentür. Wir haben ihn im ganzen Urlaub nicht wiedergesehen. Ich hätte mehr als eine Flasche Anis kaufen sollen, sagte ich zu meiner Frau, nachdem er gegangen war. Dann geh noch eine holen, meinte sie. Abends stellten wir den wackligen Tisch und zwei Stühle draußen vor die Tür auf den Fußpfad und blickten auf die von den Sassi herüber blinkenden Lichter Materas, die die Sterne vom blauschwarzen Firmament wie in einem See oder ruhigem Meer widerzuspiegeln schienen. Als hätte jemand den Himmel auf Erden geholt.

ENDE

Die Lehrerin

Mein Freund Dirk Hesse hat einen sehr guten Roman geschrieben. Und das sage ich nicht nur so. Natürlich bin ich ein kleines Bisschen gestorben, als ich davon erfuhr, gemäß dem Geständnis von Gore Vidal „Every time a friend succeeds, I die a little“. Aber ich hab mich dann rasch berappelt, während ich „Die Lehrerin“ las. Eigentlich ist Science-Fiction nicht so mein Fall (außer Lem, Kerr und Dick vielleicht, und Vonnegut, falls man den dazu zählen kann), doch was rede ich für einen Quatsch, das hier ist was ziemlich anderes. Die Geschichte spielt in der Zukunft, klar, einer Zeit und einer Welt, die fasziniert (und verunsichert), weil sie mir beim Lesen so plausibel und stringent erschien, so dass beständig im Hinterkopf die Fragen geisterten: Wann sind wir da? Sind wir schon so weit? Muss es so kommen?

Dieses Setting flirrt, man fühlt sich immer kurz davor, die Schwelle zu dieser nicht unbedingt schönen neue Welt zu übertreten, die Dirk Hesse mit schillernden, teils komischen, teils schrecklichen Konsumgütern, Drogen, Snacks, Religionen, Pop-Stars und Sitten bevölkert. Becca, die Hauptfigur, ist eine junge Frau, die aufrecht steht, aber nach schlimmen Erfahrungen die Schnauze voll hat und aufs Land zieht, wie ein gebeutelter Berliner von Prenzelberg nach Brandenburg. Sie weiß nicht genau, was sie sucht. Egal, sie findet was. Freundschaft, Treue und Menschlichkeit, ohne diese erwartet oder erhofft zu haben Glücklicherweise, denn es gibt ja immer noch Fanatismus, Aggression und Unmenschlichkeit. Spoiler-Alert: am Ende gewinnt wahrscheinlich das Gute. Aber das ‚Wie‘ ist doch immer die Frage. Und die hat mein Freund Dirk, wie ich finde, unterhaltend, anrührend, komisch und spannend beantwortet. Was will man mehr für Weihnachten?

Die Lehrerin“ gibt es auf amazon als E-Book und als Taschenbuch.

Neue Ansichtskarten

Diesmal sind die Ansichten in der Tat fast neu. Auf Poste Restante habe ich sie gepostet, ungelaufene Postkarten, die ich selber vor ein paar Jahren aus Griechenland mitgebracht habe. Man muss allerdings dazu sagen, dass Karten von Anafi und auch von der Mani ziemlichen Seltenheitswert haben. Anafi liegt so weit ab vom Schuss… es ist durchaus die lange Anreise wert. Und falls Sie hinfahren und dort sind, schicken Sie unbedingt eine Karte nach Hause.

Anafi. Blick vom Hauptort hinab zum Anleger (Hafen). Dahinter ist bis Kreta nur noch Meer.

Weitere tolle Ansichten auf Hellas Poste Restante !

Nachruf

Wie erst gestern aus Bekanntenkreisen erfahren wurde, starb schon am 4. September gegen 21 Uhr mittags der renommierte Fachautor und Erfinder des Nachrufs Ferdinand Nachruf nach langer Indisponiertheit an einer ungarischen Sauerkrautsuppe. Ferdinand Nachruf wurde gegen Ende des Pleistozäns in eine Echsenfamilie geboren. Seine Mutter Tyrannosaurus Tex stammte aus Golgotha, sein Vater Ferdinand Sauerbruch war Hoflieferant der spanischen Elefantin. Ferdinand Nachruf war das mittlerste von sechs Kindern (drei Buben, vier Schwestern). Die Familie verarmte rasch. Er machte seine Ausbildung zum Fachautor an der Universität Hagen, wo er auch seine vorherige Frau Garmisch kennenlernte. Zusammen zogen sie nach Tecklenburg, angeblich um Mushrooms zu multiplizieren. 1956 dann der große Durchbruch: Ferdinand Nachruf erfand den Nachruf. Der erste erschien in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, es war der Nachruf von Khadr El-Touni, über den man eigentlich nichts Schlechtes sagen konnte. Wenig später wurde Ferdinand Nachruf dann die Erfindung des Nachrufs von Urban Obituary (geboren 1914 in Diskret) strittig gemacht. Ein jahrzehntelanger Rechtsstreit folgte, der wie ein Mehltau über die jungen Triebe niederkam. Erst 2012 entschied ein Gericht in Minsk (ukrainische Kartoffelsuppe), dass Nachruf immer Recht hatte. Die letzten Jahre verbrachte Nachruf zufrieden im Kreis seiner Konkubinen. Er hinterlässt Frauen und Kinder zuerst.

after reading plimpton’s book about capote

I love you Truman Capote

sitting at the dinner table with your hat on

is there a pillow under your bum?

white linen suit, smudges

 

Oh Truman

how you tried and won

kicked their asses and kissed some

laughter below deck, blushes

 

how they made you sing

for your supper

 

Truman

who cares that your brain shrunk

burned out on pills and martinis?

I care

I hug you like a brother

Truman, what do they do to us?

 

Truman

as always you were too big for us

them, yourself, the world

what’s a little brain shrinkage amongst friends?

 

mumbling incantations like the wild New York Cassandra

you are

 

we hold these curses to be self-evident

 

Truman sing!

don’t give a fuck

we gave them all the fucks we had

if they didn’t want them

fucking too bad!

 

I love you Truman Capote

we are so unlike you and I

cept for the wish – the need, the curse – to disappear

and a little drama

queen.

Seismograph

Künstler, wie ich, sind ja hochsensibel und besonders empfänglich für die leisesten Anzeichen, Signale und Spannungen, Strömungen und subliminalen Entwicklungen in der Gesellschaft und im Bewusstsein der Menschheitsgemeinschaft, deswegen darf ich wohl, Kassandra gleich, raunen:

 

Was für eine verfickte Scheiße!