Der Leutnant und die Jungfrau – Teil Zwei

DER LEUTNANT UND DIE JUNGFRAU

eine Geschichte von der Akropolis, zweiter Teil. (Hier kommt man zum ersten Teil.)

„Was ist denn das fürn Holterdiepolter und Geschrei?‟

Der Leutinger hob den Kopf und sah den Wirt in der Tür stehen, im Schlafgewand, sogar eine Mütze auf dem Kopf, in der Hand trug er ein Licht, im Gesicht Ärger und Müdigkeit, hinter ihm lukten zwei, drei Köpfe und Zöpfe, die Wirtin und ihre Kinder.

„Wer hat denn die Uul ins Zimmer gelassen?‟ Der Wirt schritt ins Zimmer, stellte die Kerze auf die Truhe und rollte sich die Ärmel vom Nachthemd hoch. Der Leutinger ächzte. Gerad hatte er sich mit dem Tode abgefunden, itzt war er der Depp in einer Komödie. Denn vorm Fenster sah er nun im Licht des Wirtes eine Eule, einen kleinen Kauz, der verzweifelt suchte, hinaus ins Freie zu gelangen, zu den Mäusen im Mondenschein. Das war das Rattern und das Klattern am Fenster gewesen, die Hand durch sein Gesicht, die Krallen im Rücken. Eine Eule. Die man nie nach Athen tragen sollte. Oder von dort fort?

Der Wirt nahm sich die Schlafmütze vom Schädel und fing darin das flatternde Biest, das sich alsbald beruhigte und den Kopf mit seinen riesigen Augen fast um sich selbst drehte. Schuhu, olulu, olulu.

„Du wolltest wohl die Uul von da unten mörsern, Leutinger,‟ spöttelte der Wirt, „die mörderische Uul,‟ schadenfreudig sah er hinab. So groß sind sie also auch nicht, die tapferen Soldaten der Heiligen Liga. Der Leutinger befreite sich endlich aus der Bettdecke und sprang auf wie’s Messer, ein Körnchen Würde zu bewahren.

„Ich bin’s Bier nimmer gewohnt. Und weiche Betten. Ja, wie ist denn die Eule ins Zimmer gekommen? Oder spielst du deinen Gästen gerne Streiche?‟

„Ich schätze, durch den Kamin ist der Kauz gekommen. Du hast das Feuer ausgehen lassen. Draußen blies der Wind. Passiert manchmal. Da suchen sie Schutz oder bauen Nester.‟

„Eulen und Nester? Das habe ich noch nie gehört.‟

Der Wirt zuckte die Schultern. „Was soll ich mit dem Mörder machen? In den Käfig und kurzen Prozess? Oder Gnade vor Recht ergehen lassen? Entscheide du, Leutinger. Wie wohl Eulenbratenschlegel schmecken?‟

„Lass sie draußen frei.‟

„Bist du sicher? Nicht, dass sie dir nochmals nachsucht.‟

„Leck mich im Arsche. Mir platzt der Schädel. Verschwindet.‟ Vor Wut verzerrt sein Gesicht.

Große Augen und offene Münder bei den Zaungästen an der Tür. Der Wirt schüttelte den Kopf, nahm Kerze, Mütz und Eule, ging hinaus und schloss die Tür. Der Leutinger aber warf sich todmüd aufs Bett. Nur Schlafen konnte er nicht mehr.

 

Er brach schon vor Morgendämmerung auf. Wollte hier niemand mehr sehen. Die Magd Agnes war jedoch schon in der Stube und schürte das Feuer, sie sah ihn scheu, halb ängstlich, halb neugierig an. Klatsch fliegt schnell wie Eulen, nur nicht so lautlos. Der Leutinger nickte ihr bloß zu und haute eine Dukate auf den Tisch.

„Sag’s dem Wirt, das wird wohl reichen.‟

„Jawohl, der Herr.‟

Draußen tat ihm die frische Luft wohl. Der Wind und der Regen hatten sich gelegt und auch seine rasenden Kopfschmerzen. Zwar war es noch stockfinster, kein Hauch mehr von Mond am Himmel, doch der Leutinger kannte den Weg sehr gut, den Weg zum Hof von Sophiens. Er rückte sich den Ranzen am Rücken zurecht, drückte den Dreispitz in die Locken und holte mit dem Stock weit aus. Heute sollt‘ die Sache werden. Söffken. Die Heirat hatten sie sich versprochen. Aber der Leutinger hatte damals kein Geld. Wohl waren seine Eltern nicht die Ärmsten, doch war der Leutinger nicht der Älteste, sein Bruder würde alles kriegen. Söffken war Älteste und Einzigste, deswegen wollte ihr Vater sie und das Erbe, einen stattlichen Hof, keinem armen Schlucker schenken. Drei Jahre warten wir. Denn das Herz der Söffken gehörte dem Leutinger schon, das konnte ihr Vater nicht vollends ignorieren. Drei Jahre, dann hast du das Geld, oder hast du’s nicht, dann sehen wir weiter. Gut, meinte der Leutinger, der Herzog von Hannover sucht Kriegsknechte; ich wollt mich immer schon mit Muselmanen balgen. Gott steh dir bei, sprach der Vater, dem’s egal war, wer, wie, mit Blut oder ohne. Hauptsache Geld. Ja, sonst kriegt man solche großen Höfe nit. Das Söffken aber musste weinen.

Heute vor Freud, mutmaßte der Leutinger und schritt weiter aus. In seinem Ranzen hatte er Dukaten und Gold und Silber, kunstvoll geformt zu einer Kette aus Muscheln, dazu ein Amulett. Das reicht für drei Höfe. Die Sonne war aufgegangen, jedoch fahl und bleich, eine blasse Kusine nur des griechischen Helios. Und der Himmel war hier auch nie so blau und hoch und rein. Kein Wunder, dass unsere Gedanken uns immer an die Balken stoßen, dachte der Leutinger. Immer? Gestern waren sie ihm schon durchgegangen, wie schnaubende Pferde, wie die nüsternweitaufreißenden Pferde am westernen Giebel vom… Hinter ihm schnaubte es nicht, sondern jemand meckerte. Die Nerven des Leutinger lagen einfach blank, was würde ihm sonst das Herz so bis in den Hals schlagen, als er sich wie in einem Sprung umdrehte und hinter sich eine schwarze Ziege sah. Wie kam die ins Land der Schafe? Wem war die entlaufen? Denn um den Hals trug das Biest ein Lederband samt Glöckchen. Wieso hatte er das zuvor nicht gehört? Nun schüttelte sie den Kopf und es klingelte, wie dort, wo sie abends von den Hügeln des Lykabett, Philopappu etc. hinabkamen. O Gott. Die Ziege war dürr, der Balg zerzaust, Stöckchen und Bröckchen im Fell, Blätter, dabei roch sie nach Thymian, Majoran und…. Basilikum? Die Ziege starrte ihn an. Ihre Augen wie die toten des Teufels, golden, mit rechteckigen Pupillen. Mehrmals versuchte der Leutinger, das Hornviech fort zu scheuchen. Es trabte stets ein paar Meter davon, aber wenn er dann weitermarschierte, kam es alsbald hinter ihm her. Klingeling, klingeling, klingeling. Das Pochen fing wieder an in seinem Kopf. Das eiserne Band um seine Schläfen. Ich zieh das Messer und stech‘ das Biest ab, dachte der Leutinger, das wird mir Erleichterung verschaffen. Kaum jedoch hatte er das Messer genommen, kamen ihm ein Pferd und daran ein einfacher Wagen entgegen. Auf dem Bock saß Joachim Zähe, Sophiens Vater. Beide Männer waren zunächst baß erstaunt einander zu sehen und sagten nichts, musterten sich jedoch umso mehr. Der Joachim war im Sonntagstaat gekleidet, Hut, sauberer Rock, blanke Stiefel. Er fragte sich wohl bei des Leutingers altem Tuche, wie es ihm im Krieg ergangen sei. Viel Feind, viel Ehr, viel Plünder?

„Du willst zum Söffken?‟

„Ja.‟

„Ich muss zum Amt nach Lüneburg. Wegen dem Prümer Feld.‟

„Dann gute Fahrt.‟

„Hab Dank. Wir sehen uns später. Und bereden dann.‟

„Ja.‟

Schon war der Leutinger fast an der Kutsche vorbei, als der der Alte ihn anhielt.

„Sag mal, Leutinger.‟

„Ja.‟

„Ist das Deine Ziege?‟ Der Zähe lachte nicht oft, nun grinste er. Die Ziege war dem Leutinger in der Tat nachgestiegen und gab Laut, als wolle sie sagen, ja.

„Nein.‟

„Sie hat sowas Orientalisches. Wie sie meckert.‟

„Ich weiß nicht, wem das Mistviech gehört.‟

„Das Pferd des kleinen Mannes. Die Ziege.‟ Zähe schnalzte mit der Zunge, warf die Zügel, und rollte davon. „Solang’s nicht dein Brautgeld ist,‟ rief er noch.

Der Leutinger beeilte sich nun seines Weges. Die Ziege schien er zu vergessen, obgleich sie ihm eifrig in einiger Entfernung folgte. Der Schädel brummte ihm, pochte bei jedem Herzschlag und gegen den Dreispitz.

Dass das Biest ihm nicht auf den Hof Sophiens folgte, nun, das war freilich seltsam, jedoch umso besser. Auch der Kopfschmerz ließ nach. Vielleicht war es nun vorbei mit dem Fluch, an den der Leutinger langsam zu glauben gewillt war, obwohl ein rationaler Mann und Artillerist. Das kommt davon, wenn man sich solche Dinge zu Herzen nimmt und einbildet. Dann gerät daraus ein wahrer Steinschlag, weil der eine Kiesel getreten wurde.

„Gehab dich wohl, Ziege,‟ entbot er der schwarzen Geiß, drehte sich und ging schnurstracks auf die Tür des Haupthauses zu, ein massives Gebäude aus rotem Klinker mit Sandsteinblöcken an Ecken, Türen und Fenstern. Er pochte. Hätte er zuerst jemand schicken sollen, damit Sophien nicht in Ohnmacht fiel, falls sie es wäre, die öffnete? Daran dachte er zu spät, denn nun stand sie vor ihm. Schön wie zuvor, ihr blondes Haar streng, wie er es immer mochte, zu einem Zopf zusammengeflochten, die Haut wie Blut und Milch, vielleicht etwas dünner als wie in Erinnerung. Auf alle Fälle waren die drei Jahre besser, sprich sanfter, an ihr vorbei gegangen als an ihm. Wohl denn. Sie würden sich schon aneinander aufpäppeln.

„Heinrich!‟

Eine lange Weile sahen sie sich an. Fremde, die einander beim Kirchgang vorgestellt werden. Nicht sicher, was zu erwarten, was zu sagen.

„Gott zum Gruße, Sophie. Da bin ich wieder.‟

„Dann komm doch herein.‟

So saßen sie denn im Jungfrauengemach, in Sophies guter Stube, in ihrer feinen Stube, die Welt, die dem Leutinger fremd geworden in der Fremde, mit Stofftapeten an der Wand, gedrechselten Möbeln, gestickten Deckchen, Porzellan und Nippereien, in der Ecke sogar ein Cembalo. Sie saßen nebeneinander, doch züchtig, auf ihrem grünen Kanapee. Seinen Ranzen hatte der Leutinger zu Füßen. Ein Mägdlein stellte Kaffee, Eierkuchen, Tassen auf den Furniertisch unter hohen Fenstern, hob kurz den Blick und ging. Für einen Blitz, einen Augenblick, wünschte sich der Leutinger weit weit weg, in den Staub im Schatten unter einer breiten Platane mit den Kameraden, wo durch die Blätter im warmen Wind der blaue Himmel der Morea schimmerte, eine Pfeife in der Hand, in der anderen ein Becher Harzwein. Dann war er wieder auf dem Kanapee.

„Nun sag, Heinrich, wie ist es Dir ergangen?‟ Dabei legte sie kurz und sanft die Fläche ihrer Fingerspitzen auf seine grobe, stoppelige Wange.

Der Leutinger wusste nicht, was er sagen sollte und schwieg. Und schwieg. Und schwieg schon viel zu lange. Schweiß trat ihm auf die Stirn. Verdammt, das Pochen. Er konnte doch nicht wie gestern beim Wirt und Schröder… wenn’s wieder aus ihm ausbrechen würde!

„Ich sag’s dir bei und bei. Wenn wir verheiratet sind.‟

Das Söffken musste lächeln. Lächelte. Wurde ernst.

„Können wir dann heiraten?‟

„Dein Vater wird’s uns nicht versagen. Schau!‟ Der Leutinger kramte in seinem Ranzen. Ganz unten, in einem Kästlein. Potz, das Zeug war noch oelig. Was soll’s? Das kann man abwischen. Er fischte das Kästlein heraus.

„Dafür gibt es drei Höfe!‟ Er hielt Sophien in beiden Händen das Holzkästchen hin und öffnete es aber auch selbst. Drinnen war die Silberkette, die Glieder aus kunstvoll geformten Muscheln, daran ein Amulett aus Gold, das Antlitz einer Königin oder Göttin, die Strahlen einer Sonne oder Krone. Er nestelte es heraus und hielt es ihr vor die Nasen, stolz. Draußen meckerte die Ziege. War die nun doch in den Hof gekommen?

„Hör, Heinrich! Am helligsten Tag eine Eule?‟

„Nein, eine Ziege ist das.‟

Olulu, olulu.

Der Leutinger sah zu Söffken. Sie war versteinert.

Sie war versteinert, im wahrsten Sinne des Wortes. Die Augen weit auf, der Mund leicht geöffnet, es ging kein Odem, sie blickte ins Nichts, ins Alles, ins Nirgendwo. Kein Regen der Glieder.

„Söffken!‟

Den Leutinger überkam die Panik. Die Angst, als ob tausend Furien hinter ihm her seien, den Mord an Söffken würden sie ihm ankreiden, sie würden ihn hängen, entkernen, vierteilen. Er wollte einen Gedanken fassen, einen Grund, ein Argument, eine Verteidigung, eine Bresche doch ein blendender Schmerz versagte ihm jegliches Denken. Als ob ein Fassbinder ihm einen Eisenring um die Schläfen geschmiedet, als ob ein Riese oder Titan ihm einen viel zu kleinen Helm auf den Schädel pressen würde. Nur noch Flucht. Er musste hinaus, fort, fort, auf die Heide, weit fort, in die Wildnis, in die Berge, in die karstigen, steinigen, öden Berge. Wenn die Sonne seine abgenagten Knochen blich, würde alles wieder gut sein und Harmonie zwischen den Göttern und den Kreaturen. So fühlte der Leutinger, das war ihm alles wie eine singuläre Regung, und so sprang er auf, ließ fast alles hinter sich liegen, Kästchen, Ranzen, Stock und Söffken und rannte aus dem Haus, über den Hof, hinaus, hutlos.

„Hej, Leutinger, wie war’s bei den Türken?‟ rief ihm einer hinterher, ein Knecht.

Aber er rannte und rannte. Hinter ihm ging’s Ziegengeläut. Nur von dem schwatten Biest war weder Haut, noch Huf, noch Horn zu sehen.

Des Abend, im November ja recht frühe, kam der sich selbst halb zu Tode gehetzte Leutinger zu Soltau an. Aus der Schmiede schien noch das Licht der Esse und klangen die Schläge, und schienen dem Leutinger wie der Puls seines Herzens. Nun galt es. Den nur einen Gedanken hatte er fassen können, während er über Stock und Stein und Heide gerannt, nur ein Gedanke, der ihm so klar war wie der arkadische Himmel, er musste das aus seinem Schädel lassen. So stolperte er in die Schmiede.

Der Schweißgebadete stand mit zitternden Beinen und röchelndem Atem vor Schmied und Lehrling, welche überrascht von ihrer Arbeit abließen.

„Öffnet mir den Schädel!‟

„Was zum Düwel?!‟ Dergleichen hatte der Schmied noch nie gehört. Der Lehrling sah den Meister an, verunsichert, gehörte das zum Tun? Nicht nur Zähne ziehen?

„Nimm Hammer, Meißel, trepanier er mir den Kopf.‟

„Warum?‟

„Ich hab einen Dämon darinnen, die will mir das Hirn spalten.‟

Ratlos stand der Schmied vorm wilden Leutinger und wischte sich verlegen die hornigen, oeligen Pranken an der Lederschürze ab.

„Ich kann doch nicht…‟

„Soll ich meinen Kopf auf den Amboss legen?‟ Der Leutinger wankte einen Schritt vor. Schmied und Lehrling wichen zurück vor dessen wilden Augen.

„Sie kann mir sonst nicht aus dem Schädel heraus,‟ schrie der Leutinger.

Schon griff der entgeisterte Schmied, in der Gewohnheit Befehlen und Weisungen Höherer zu gehorchen, nach dem Hammer und suchte nach einem Meißel… sie schienen ihm alle so breit und stumpf angesichts des Leutingers dünnen Knochen, da mischte sich die Vorsehung oder das zum Glück oder eine gnädige Gottheit ein, und die Stimme des Paters Tonius, der, wie es jene zuvor genannten Kräfte wollten, just kurz zuvor dem grimmen Schauspiel in der Schmedde Zeuge war, erklang.

„Haltet ein, Schmied! Und bringt den Mann in meine Kirche.‟

Der Leutinger saß in der Sakristei von Sankt Ioanni und goss ein Glas Wein die Kehle hinab. Seine Hand zitterte, doch kaum. Vom vielen Schweiß, der nun getrocknet war, war ihm eine Salzkruste auf Stirn, Augenlidern und Wangen. Der Pater saß ihm gegenüber, eher ungeistlichhaft, breitbeinig, die Soutane leicht hochgerafft und die Ärmel hochgekrempelt.

„Nun beichtet.‟

„Wer seid Ihr, Hochwürden?‟

„Du siehst es doch, und sagst es. Ich heiße Vater Erich Tonius. Aber das tut Nichts zur Sache. Was liegt dir auf der Seele, Sohn?‟

„Ich bin ein Mörder.‟

„Wen hast du ermordet.‟

„Ich habe mein Söffken ermordet. Und dreihundert Türken. Und…‟

„Das Söffken hast du nicht ermordet. Ich komm von da. Sie ist aus ihrer Starre erwacht, und fragt sich nur, wo du geblieben.‟

Der Leutinger schwieg. Der Pater nahm einen Schluck, gleich aus der Flasche. Der Leutinger sagte nichts.

„Wenn ich zu ihr geh‘, wird sie wieder… zu Stein?‟

„Was lastet dir so schwer auf dem Gewissen?‟ Der Pater war ein homo curiosus und ein Seelenkenner. Er wusste, die ca. dreihundert Türken konnten es nicht sein, die des Leutingers Gewissen so schwer zu Lasten machten. Bedauerlich gewiss, und Makel von Kains Abkunft; die Türkenseelen stellte der Pater dem Venezianern und dem Sultan in Rechnung, war’s doch dessen Krieg. „Wer verfolgt dich?‟

„Hochwürden, Ihr seid ein katholischer Mann. Doch kennt Ihr auch die alten Götter?‟

„Ich hab zu Göttingen Theologie studiert, und Philosophie.‟

„Und einen, der Homerus hieß, gelesen?‟

„Gewiss.‟

Der Leutinger seufzte und raufte sich die Haare.

„Raus damit, Mann. Das nennt sich Exorzismus.‟

„Noch ein Schluck Wein.‟

Der Pater gab ihm ins Glas zur Neige. „Da ist noch mehr, wie in allen Kirchen, aber später.‟

So erzählte der Leutinger das Ende seiner traurigen, sehr traurigen Geschichte.

„Meine Batterie von Mörsern lag auch an einer Kirche, Sankt Nickolas gehießen, im griechischen Dorf Athen, östlich der Feste. Und wie ich schon sagte,‟ (der Leutinger vergaß, dass er dies dem Wirt und dem Schröder erzählt hatte, nicht dem Pater) „da kam von den Türken ein Deserteur hinab vom Fels, der sagte, da haben sie ihr Pulver drin, alles Pulver, ihr Magazin, oben in der Moschee. Die aber erst bei den Türken eine Moschee war, vorher Kirche, vorher Tempel, das Haus von Athene. Granate hinein, war der Befehl, und wer es schafft, extra Wein und extra Dukaten. So sprach Königsmarck, und Morosini auch. Das war abends, 26. Septembris. Es war Vollmond. Trotzdessen, ich konnte von meiner Warte aus den weißen Tempel mit Säulen und Dach und Fries gar nicht so recht sehen, zu steil war der Fels, aber das Minareh, das sah ich fein. Na gut. Nicht umsonst hat man die Mathematik gelernt und die Winkel. Wir schossen eine Bombe. Sie brach durchs Dach. Sie explodierte. Das ganze Tempelhaus. Barst auseinander. Ich hörte es nur. Wie wenn ein Berg aufschreit, wenn er stirbt. Andere erzählten mir davon, vom großen Feuerwerk, der Eruption. Ich sah später die Trümmer. Und ich will Ihnen was sagen, Pater. Niemand jubelte. Totenstille. Doch der Königsmarck, egal was er später wehleidete, klopfte mir auf die Schulter. Und einen Judaskuss gab mir Morosini. Und die Dukaten.‟ Der Leutinger wischte sich was von der Wange.

„Das Parthenon, das schöne Gemach der Jungfrau Athene,‟ seufzte der Pater, „wie gerne hätte ich es gesehen.‟

„Ich auch. Ich sah es als es noch heil und ganz war ja nur von weitem. Nach der Kapitulation drei Tage nach dem Schuss ging ich hinauf. Mein Werk. Tote und Trümmer. Wie die Raben stopften sich die Söldner die Ranzen voll mit Marmorköpfen. Einige bauen kunstvoll und in Jahren, andere… ich selbst fand…, aber erlasst mir das, Pater. Seitdem verfolgt uns in Rache die zürnige Göttin. Glaubt Ihr das? Ich tu’s. Schon bald brach in der unglücklichen Stadt eine furchtbare Seuche aus. Die Pest nämentlich fraß Generäle, Obristen und Soldaten. Nun bin ich an der Reihe. Lange dachte ich, gerad ich,‟ er lachte spöttelnd auf, „wäre dem Zorn entkommen. Jetzt schickt sie mir Oele, Eulen, Ziegen. Und die ich lieb, wird selbst zum Marmor. Haut mir doch schon, haut dem Wahnsinn das Haupt ab. Wie soll ich länger leben? Wie soll ich Buße tun?‟ Der Leutinger schluchzte.

Der Pater dachte lange nach.

„Hast du was gestohlen? Das Söffken sprach von einer Kette.‟

„Ich…‟ Der Leutinger wunderte sich und grub in seines Rockes Taschen. Fand wohl was, um dass sich seine Finger schlossen. Er hatte sie doch mitgenommen.

„Ja. Ich fand was. Auch das will ich gestehen. Ich sah es glitzern zwischen den Steinen meiner Ruine.‟

„Zeig her!‟

„Und wenn Ihr zu Stein werdet?‟

„Unfug. Häresie. Ich bin ein Mann Gottes, was will mir eine Alte tun?!‟

Zögerlich zog der Leutinger die Hand aus der Tasche und zeigte dem Pater Tonius die Kette und das Amulett. Der ward nicht zu Stein, nur seine Augen zu Brillanten.

„Μια θεά στην κορυφή ενός βουνού,‟ sprach er in einem eigentümlichen Singsang. Ferner:
„καίγονταν σαν ασημένια φλόγα
Η κορυφή της ομορφιάς και της αγάπης
Και Αθηνά ήταν το όνομά της
Το έχει
Ναι, μωρό μου, το έχει
Λοιπόν, είμαι η Αθηνά σου
Είμαι η φωτιά σου, στην επιθυμία σου.‟

Der arme Leutinger verstand kein Wort und wunderte sich. Dem Pater war seine Emotion und Ausbruch wohl etwas peinlich. Er zwang sich, dem Leutinger die Kette wieder in den Schoss zu legen, und hielt ihm segnend die Hand aufs Haupt.

„Es ist doch ganz und gar eindeutig, was du tun musst, Heinrich, um dich vom Zorn der Göttin zu lösen. Du hast ihr ein Haus gestohlen, nun musst du ihr ein neues bauen. Den Frevel sühnen.‟

„Das sagt Ihr, als Mann des einen Gottes?‟

„Das Göttliche, mein Lieber, hat mehr als ein Gesicht. Ins Heiligtum legst du die Kette.‟

So ließ der Leutinger Ziegel brennen. Die schaffte er auf sein Land und baute. Baute sicherlich ein Jahr, im Schweiße seines Angesichts, zum Spotte Vieler, was ihm jedoch nicht so den Buckel krümmte wie die vielen Ziegel. So kam es zum Tempel in der Heide. Halbwegs zwischen Embsen und Drögennindorf. Und wer’s nicht glaubt, soll selbst vorbeigehen. Und wenn Ihr vorbeigeht, grüßt mir die Kinder von Söffken und dem Leutinger. Wer aber das Amulett stehlen will, den warne ich. Habt Acht vor Oelen, Eulen, Ziegen.

ENDE

Der Leutnant und die Jungfrau – Teil Eins

DER LEUTNANT UND DIE JUNGFRAU

eine Geschichte von der Akropolis, erster Teil.

Wenn jemand aus dem lüneburger Sülztor Richtung Amelinghausen in der Heide marschieren würde, dann käme der Wanderer, je nachdem welchen Weg er wählte, hinter Embsen, doch noch bevor Drögennindorf an einem sehr seltsamen Bauwerk vorbei, das auf einer Anhöhe einige hundert Meter von der Straße zwischen zwei kleinen Wäldchen steht. Das Auge des Wanderers wird unweigerlich zu diesem Gebäude hingezogen, obwohl es doch nicht gleich am Wegesrand, sondern, wie gesagt, bestimmt hundert Meter entfernt davon steht, und kein Pfad oder Zugang hier abzweigt, denn es ist schneeweiß. Oder besser gesagt, es muss einmal schneeweiß gewesen sein, mittlerweile haben Wind und Regen und die immer eifrige Natur das, woraus auch immer es gemacht wurde, verwittern lassen. Auch hat niemand ihm in letzter Zeit, so wie es aussieht, große Pflege angedeiht. Die Risse indes und den zerbröckelnden Ziegel sieht man erst, wenn man sich aus Neugier näher an das Bauwerk gemacht hat. Den fleißigen Schafen ist es zu verdanken, dass es noch unverwachsen auf grüner Wiese steht, und keine Birken oder anderweitige vorwitzige Vegetation sich daran vergangen haben. Was ist das nun für eine Kreation? Es ist ungefähr so groß wie eine kleine Scheune oder eine große Remise, ein längliches Rechteck, wohl an die drei oder dreieinhalb Meter hoch, und, wie gesagt, weiß. Es ist jedoch nicht aus weißem Stein, geschweige denn Marmor, sondern, sieht man genauer hin, aus gebranntem Ziegeln gemauert, für den größten Teil, der – ich bin kein Experte auf diesem Gebiet – weiß angestrichen oder gekalkt wurde oder anderweitig gefärbt. Es hat vorne und hinten, wenn man wüsste, welches was ist, einen Giebel, so wäre es an einer Straße würde man sagen, es ist giebelständig und nicht traufenständig. Das Dach mit einer Neigung, sehr flach für unsere regnerische Region, ruht auf Säulen, die das Gebäude rings umgeben. So sieht es jedenfalls auf den ersten Blick aus, doch sind die Säulen eher unbeholfen aus eben jenen Ziegeln gemauert und nachträglich in eine runde Form gebracht. Kurzum, es ist ein kleiner klassischer Tempel, beziehungsweise besser gesagt: es ist ein Tempel in Miniatur, eine Kopie, sicherlich nicht maßstabsgetreu, und wie von einem unbeholfenen Kinde gefertigt. Oder wie von jemandem, den nur mal einer einen griechischen oder römischen Tempel beschrieben hat. Oder wie von jemandem, der zwar mal einen Tempel gesehen, vor sehr langer oder langer Zeit, der sich dann mit Mühe und Not daran erinnert, und sodann versuchte, aus der Erinnerung heraus das einst Gesehene nachzubilden. Der Tempel hat keinen Zugang, das Allerheiligste ist zugemauert. Zum Glück, denn schon die wenigen Stufen hinauf sind, wenn man es genau betrachtet, von Schafscheiße verunreinigt. Von den Schafen, den Schnucken, die ansonsten den Tempel frei halten von den Gewächsen der Heide, wie schon gesagt. Wie jedoch kam es zu diesem Miniatur-Tempel mitten in der grünen Landschaft Lüneburgs, die so recht wenig hat von den kargen Hügeln Arkadiens? Wer hat ihn errichtet? Und wieso?

Der Wanderer pfeift sich diese Fragen, nimmt seinen Stock, und geht strammen Schrittes weiter gen Amelinghausen. In Betzendorf hat es ein Gasthaus, ‚Zum Wilden Leutinger‘, da wird es ein Bier, ein Brot, hoffentlich ein Schinken und vielleicht die Geschichte zur Lösung der Rätsel geben.

Man schrieb das Jahr 1688. Es war ein hundsmiserabler Novembertag, von Abend oder Morgengrauen kaum zu unterscheiden, bis auf dass Otto Bakkhuus, der Wirt des ‚Wilden Mannes‘ in Betzendorf, den Regen, gleich winzigen Nadeln, zu sehen vermeinte, der ihn eiskalt in die geröteten Wangen stich, und in die Arme, als er mit dem Bierschröder noch ein Fass vom Karren hub.

„Schiietwetter!‟ fluchte der Wirt. Der Schröder grunzte.

Einerseit Schiiet, dachte der Wirt, denn wer will bei dem Wetter kommen. Andererseits nich Schiiet, denn wer kommt, wird bleiben. Er rieb sich die kalten Hände, während der Schröder das Fass zur Kellerluke rollte. Man wird ja sehen. Er streckte den Kopf und knispelte gegen den peitschenden Wind. Tatsächlich kam von der leichten Anhöhe hinab, aus der Richtung von Lüneburg, ein Mensch gegangen, wohl ein Mann, der Dreispitz mit Schal oder Schärpe fest am Kopf gebunden, den Stock fest in den Weg fast bohrend, einen prallen Ranzen am Rücken, nach vorne gebeugt, trieb ihn den Wind schneller voran als er wohl wollte. Dem tut ein Trank not, dachte der Wirt und wandte sich in seine Stube.

„Ich geh hinein,‟ rief er ins Kellerloch hinab. Der Schröder grunzte.

Wenig später betrat wie geahnt der Mann die Stube, drückte die Tür zu gegen die Elemente, band den Schal vom Kopfe und klopfte sich den Regen vom Hut, gegen den Balken der die niedrige Decke der funzeligen Stube stützte. Den Stock mit Silberknauf hatte er gegen die Wand gelehnt, den Ranzen zu Boden geschmissen.

„Otto, lebst noch, du Schmerbauch?‟ sprach er halblaut. Nun konnte man auch sein Gesicht sehen. Hager, sehr faltig für sein Alter um die Augen, als ob er oft gegen die Sonne kniff, und einen schon grauen, stubbeligen Bart. Leicht eingefallene Wangen, wenigstens ein paar Zähne mussten fehlen. Dennoch war es ein fast noch junger Mann, an die dreißig. Jetzt erkannte ihn der Wirt.

„Bei Gott,‟ rief dieser, „der Leutinger! Der Leutinger ist’s. Ist der Türke geschlagen?‟

„Der Türke schon, würde ich sonst hier stehen?‟ sagte der Mann, den der Wirt Leutinger genannte. „Der Türke schon, aber nicht die Pest,‟ murmelte er.

„Was?‟

„Keine Angst, ich hab sie nicht. Gib mir ein Krug vom Guten. Betzendorfer Bier. Wie hab ich das vermisst, bei geharztem Wein, noch harzigeren Weibern.‟

„Ich hab gerad ein neues Fass.‟ Der Wirt klatterte mit seinen Holzpantinen die Kellertreppe hinab. „Schröder! Der Leutinger ist wieder da,‟ rief er dabei. „Der soll uns was erzählen.‟

Bald drauf saßen Wirt, Schröder und Leutinger um einen massiven Eichentisch. Der letztere machte, jetzt wo man’s wusste, wahrlich einen recht martialischen Eindruck, auch wenn er keine Uniform trug, doch das Kreuz stets gerade hielt; ein langes Messer, beinahe eine Schiavona, hatte er aus seinem Gürtel gezogen und säbelte damit am geräucherten Schinken, den der Wirt, ausnahmsweise großzügig, neben den Krug Betzendorfer und drei Becherns aufs Brett gestellt hatte. Winzige schwarze Einsprengsel waren überall in Gesichtshaut und an den Armen des Leutinger, es sah aus wie Mohnsamen. Hatte er die am ganzen Körper? Wenn nicht die Pest, war es eine andere Seuche, die er von den Türkenkriegen nun ins schöne Lüneburg und Braunschweig trug?

„Was sind das für schwatte Pünktchen?‟ frug denn auch der leicht törichte Schröder. „Bist du krank?‟

„Bist du blöde, Schröder?‟ fuhr der Wirt dazwischen. „Der Leutinger war bei der Artillerie. Das ist Schwarzpulver, nich?‟

„Ja, das ist Schwarzpulver. Ging mir in Lungen und Haut. Auch die Ohren tun’s nicht mehr so recht.‟

Doch in dem Moment schlug plötzlich die Tür mit Gewalt und einem Knall auf und das hörte der Leutinger gar wohl, denn er erschrak, rutschte mit dem Messer vom Schinken ab und hätte beinahe dem Schröder einen zweiten Nabel gestochen, wenn der nicht geistesgegenwärtig zur Seite gerutscht wäre.

„Mensch, pass auf mit deiner Sense, ich bin kein Türkenbalg.‟ Der Schröder nahm es auf die leichte Schulter und zupfte sein Lederwams zurecht. Aber dem Leutinger stand der kalte Schweiß auf der Stirn und er war arg bleich geworden. So starrte er auf die offene Türe, die vom Wind musste aufgestoßen worden sein, denn weder Mensch noch Viech noch sonstwas war zu sehen oder hören. Nur der peitschende Regen, der nun schräg in die Stube fiel und den Steinfußboden netzte, und der heulende Wind. Die Deckenlampe fing an, im Takt zu schaukeln, und schlug Schatten.

„Ist das schon mal gewesen?‟ Der Leutinger sah den Wirt eindringlich an.

„Nee. Kaum. Du musst sie nicht richtig zugemacht haben. Und dann der Wind.‟ Die Reizbarkeit seines Gastes kam dem Wirt durchaus schon etwas seltsam vor. Vielleicht machte das der Krieg mit so einem. Die ständige Angst eine Kugel, eine Granate oder ein Messer zwischen Herz und Lebensnerv zu kriegen. Der alte Leutinger, der vor drei Jahren, im Januar 1685 nach Venedig aufgebrochen war, wäre nicht wegen einer losen Tür wie ein hochgezüchtes Weibsbild zusammengezuckt. Und jetzt schlackerte der Leutinger auch noch mit den Nasenflügeln, witterte wie ein Hund oder Pferd, dass dem Wirt es langsam gruselte, an diesem nassen, dunklen, stürmischen Novembertag. Warum ging er nicht die Tür schließen? Wieso schien der starrende Leutinger sie alle in Schockstarre zu halten? Da sprang endlich der Schröder, der wenig Phantasie hatte, auf, die Türe zu schließen, hielt dann inne.

„Schimmert der Regen nicht grünlich?‟

„Du hast wohl den grünen Star, Schröder.‟

Schon rutschte der Schröder auf den nassen Steinfliesen aus und knallte mit Arsch, Rücken und Hinterkopf zu Boden.

„Verflixt, das ist ja oelig.‟

Die beiden anderen eilten zu ihm.

„Oelig?‟ Der Wirt, der einen starken Magen hatte, strich mit dem Finger über die Steinfliesen, die tatsächlich schimmerten, und leckte. „Das ist kein Oel, das ich kenne.‟

Der Leutinger machte sich an seinem Ranzen zu schaffen, der noch immer neben der Tür lag, und kramte darin nach irgendwas. „Sie ist nicht hier,‟ murmelte er leise, „sie ist nicht hier.‟

Mittlerweile hatte sich der Schröder aufgesetzt und rieb den Hinterkopf.

„Das Oel ist im Regen.‟

„So’n Quatsch!‟ Der Leutinger schrie beinahe, besser bellte, wie der Offizier, der er gewesen war. „Hier!‟ Er hielt komisch triumphierend einen kleinen Glasflakon hoch, in dem noch ein Rest von einer grünlich-goldenen, zähen Flüssigkeit zu sehen war. „Das Glas muss zerbrochen sein, als ich den Ranzen abwarf. Dann ist es herausgesickert. Das war mein Oel des Dimitrios.‟

„Was für ein Oel ist das? Fürs Braten, für Kutschachsen, oder für die letzte Oelung?‟ Der Wirt verstand sich als Experte in Schmier- und Röstmitteln und war leicht beleidigt, dass er dieses Oel des Dimitrios nicht kannte.

„Das ist ein Oel, das habe ich aus einer griechischen Kirchen. Soll helfen gegen Allerlei. Aber ich hab’s nur aus Spaß dabei. Mir fehlt ja nichts. Macht nichts, das es alle ist. Vielleicht hilft es deinen Steinen.‟

Der Leutinger schien erleichtert und war wieder froh. Sowohl Wirt als auch Schröder waren indes nicht sehr zufrieden mit dieser nüchternen Erklärung. Möglicherweise weil derart eine vielversprechende Abwechslung in ihrem langweiligen Kosmos rasch und ohn‘ Spektakel Ende fand.

„Aber woraus wird das Oel gemacht? Aus Dimitriosen?‟ wollte der Wirt wissen.

„Das Oel war im Regen drin. Das bisken Oel aus der Flasche reicht doch nie und nimmer. Schaut wie viel auf dem Boden ist und aus der Flasche ist das meiste ins Ranzentuch gesickert,‟ insistierte der Schröder. „Es kam im Regen.‟

„Genug!‟ sagte ruhig, aber fest der Leutinger. „Es war im Flakon. Ihr wollt von meinen Reisen hören. Ich will Bier. Lasst uns wieder an den Tisch und keinen Unsinn reden.‟

Der Wirt holte rasch ein Tusch und wischte den Boden auf, der immer noch speckig schimmerte, und gesellte sich dann zu den beiden an den Tisch. „Nun erzähl, Leutinger. Wie war es bei den Türken?‟

„Wie soll’s gewesen sein? Wie soll ich euch Tellerleckern und Bärenhäutern das berichten?‟ Der Leutinger blinzelte in die runden, glänzenden Gesichter von Wirt und Schröder, die ihn mit großen Augen erwartungsvoll anblickten, wie’s Kind vor der Bescherung oder der Märchenstunde. Da musste er unwillkürlich in sich lachen, nahm eine Zug aus dem Becher und hub an.

„Na gut. Wie ihr wisst, am Januar ’85 ging’s in Hannover los. Im April waren wir über die Alpen, durchs Tirol, und standen auf dem Markusplatz zu Venedig – das ist eine Stadt, wo’s hat mehr Flüsse oder Gräben als Braunschweig und Lüneburg Straßen. Bestimmt dreitausend Manns waren wir, päpstliche, florentiner, maltesische, dalmatinische und hannoveraner. Ein Raunen wie zu Babel. Zu Befehl des Generalkapitäns Franziskus Morosini und des Marschalls Otto Wilhelm von Königsmarck musterten wir. Dann zu Schiff hinab die Adria in die Morea, was eine Halbinsel ist, die die Griechen Insel von Pelops nennen. Pelops, den die alten Götter zerstückelt und gesotten in Brühe aßen, wie mir einer sagte, der stets und zu viel las. Ich sag‘ euch, die Götter fressen da immer noch Menschen, den Buchwurm aber zerstückelte ein Stück von einer Säule bald, die die Türken von den Mauern von Koroni warfen, das wird ihn gefreut haben, so ein antiquarischer Tod, besser als ein Ledereimer brennendem Oel. Koroni war die erste Stadt, die wir belagerten. Faschinen geflochten, Batterien und Schanzen aufgeworfen, Sappen vorgetrieben. Ich und die meinen schossen Mörser und Granaten in die Stadt und Kanoniere bearbeiteten die Wälle. Dann gab’s den Sturm. Oh, da will keiner gern hinein. Von Nahe schossen die Türken mit Kettenkugeln, Eisen- und Bleistücken in uns; Weiber und Kinder warfen, wie ich sagte, Steine und gossen kochendes Wasser und Oel herab, dass es ein Grauen war anzusehen. Aber wir kamen in die Stadt und sie bekamen das ihrige, denn unterdessen wurde alles, was wir in Koroni antrafen, niedergemacht, auch die Weiber und Kinder nicht verschont, was überblieb, gefangen genommen und für gering Geld verkauft. Ich sag euch, Wirt und Schröder, die nächsten Städte ergaben sich lieber gleich.‟

Der Leutinger fuhr sich mit der Zunge über die Lippen, als sei ihm vom Erzählen trocken im Hals geworden. Eilfertig goss ihm der Wirt nach.

„Gab’s da ein Haremm?‟ warf der Schröder aufgeregt ein. Der Wirt schlug ihn mit der flachen Hand auf den Hinterkopf.

„Lass den Leutinger weiter berichten!‟

Dem Leutinger glänzten jetzt auch die Augen, nicht nur den gespannten Zuhörern, in glorreicher Erinnerung.

„Die Haremsdamen hat sich wenn der Morosini gegriffen, der venezianische Hund. Doch fanden wir silberne Handbecken, nebst allerhand kostbarem Silbergeschirr an Becher, Schüssel, Teller und dergleichen, schönste Röcke, Pelze. Im Überfluss Getreide, Mehl, Brot, Kaffee, auch allerhand Confituren. Tobak war in großer Menge gefunden. Die Kriegs-Cassa haben wir aufgeschlagen und die Zechini mit Hüten geteilt. Summa, alles was man nur erdenken möchte, wurd‘ zu Genüge gefunden.‟

Der Wirt betrachtete sich runzelnd die eher ärmlichen Kleider des Leutinger, den abgeranzten Ranzen, und frug: „Und wo ist all nun Becher, Schüssel, Röck, Pelzen, Tobak und Zechini?‟

„Pah. Ein jeder hätte allda gute Beute vor sich machen können, wenn der Tross und die Generäle nicht das Meiste genommen. Und außerdem… aber das ist… die andere Geschichte.‟

Der Wirt schnaufte, etwas enttäuscht. Er hörte am liebsten von Pelzen, Röcken und Zechini. Der Schröder schaute ebenso unbefriedigt. Er hörte am liebsten von Harems. Der Leutinger sah nichts, hörte nichts, er war noch auf Fahrt und Reisen.

„Wir, die Calenberger also, was übrig war, tausend Mann, schifften uns mit Generalkapitän und unserem Maximilian Wilhelm wieder ein, nachdem die Morea frei vom Türken war, und segelten gen Athen. Das sind so Worte. Athen, Attika, Alkibiades… auch von Sokrates hatte selbst ich schon mal gehört, von Xerxes, Marathon, Spartiaten und Themistokles. Wir auch segelten an Salamis, aber vorbei.‟

„Salamis mag ich,‟ meinte wer? Natürlich der Schröder. Der Leutinger ignorierte ihn.

„An Salamis segelten wir vorbei, die vielmastigen Schiffe, und ankerten, ohne dass uns jemand gekommen wäre im Piräus, am einundzwanzigsten Septembris. Wir waren insgesamt, ach, so zehntausend. Ich sag euch, Bakkhuus, mehr waren da auch an Türken und Griechen nicht, die Polis mit dem großen Namen ein ganz kleines Nest, eigentlich, dreckige Hütten, Maultiere, ein Bummelnest, hier und da Olivenhaine.‟

Der Leutinger roch an seinen Fingern. Pulver? Oel? Die sülzige See? Verdammt, nun musste selbst der Wirt an seinen Fingern schnüffeln. Bier und Schinken, wie immer. Oder war da was? Scharfes? Fruchtiges? Er wischte sich die Hand an der Schürzen ab.

„Und dann?‟

„Dann kampierten wir da. Die Türken, also die Soldaten, also ebenso aber ihre Weiber, Kinder – dreihundert vielleicht? – hatten sich geflüchtet in die Feste, die… auf dem großen Felsen, ihr wisst doch, weithin zu sehen, ein hohes Minareh, grässlich irgendwie, es sah aus wie ein hoher Schlot an einer Esse, wie ein Kreuz, ein Baum, eine Fahne, hier musst du hin, haben wir auf den anderen Hügeln, Pnyx, Philopappu, Aeropagus, des Kriegsgottes Hügel also, hat Königsmarck die Batterien hingestellt, aber ich dachte schon, wenn du hineinwillst mit einer Granata, wisst ihr, dass es Äppels gibt da, wie Granaten, mit hunderten roten Kügeln darin, zwei, drei Tage später kam von den Türken ein Deserteur hinab vom Fels, der sagte, da haben sie ihr Pulver drin, alles Pulver, ihr Magazin. Da soll auch ein Oelbaum oben stehen, von ihr, ich hab sie später nicht gefunden.‟

Der Leutinger seufzte. Nach seiner wirren Rede. Die anderen beiden blickten ihn höchst verdutzt an. Der Schröder drehte die Spitze seines ausgestreckten rechten Zeigefingers an der Schläfe. Der Wirt schüttelte unwillig, missbillig den Kopf, dem Schröder aber. Dem Leutinger klopfte er sanft auf die Schulter.

„Du bist wohl müde.‟

„Ach, was, verzeiht. Es schien mir gerad, als sei ich wieder dagewesen. Soll ich berichten, wie ich wieder zurück?‟

„Oh ja…‟ sagte Schröder.

„Oh ja…‟ sagte Wirt.

Nur war es mit der Plauderlaune beim Leutinger wohl vorbei. Still saß er, wie ausgeblasen und in sich gekehrt, lehrte einen Becher, dann den nächsten.

„Willst du heute Nacht hier bleiben, Leutinger?‟ fragte endlich der Wirt. „Oder gehst du weiter zu den deinen?‟

„Oder gehst du weiter zum Söffken?‟ sagte der Schröder mit einem schiefen Grinsen. „Sie wartet nun schon mehr als drei Jahr, das arme Mädken.‟

„Halt’s Maul, Schröder,‟ blaffte der Leutinger, aus seinem Stupor erwachend. Zum Wirt: „Wie geht es Sophie?‟

Der Wirt zuckte die Schultern. „Gut. Hierhin kommt sie nicht. Sie wartet wohl auf Dich.‟

„Bring mich nach oben. Ich will schlafen.‟

„Soll ich Agnes den Ranzen auswaschen lassen?‟

„Nein.‟

Mit schweren Beinen stand der Leutinger auf, ging schwer zur Treppe und hinauf, den Ranzen in der Hand. Der Wirt folgte ihm, Messer, Stock und Hut, Lampe tragend. Schröder sah ihnen kurz nach, rieb sich die Beule am Hinterkopf, schüttete den Rest aus dem Krug in seinen Becher und trank selig.

Den ganzen Nachmittag hatte der Leutinger durchgeschlafen, dann musste er hinab in den Hof zum Abtritt, ließ sich vom Wirt Wasser geben und legte sich wieder zu Bett. Der kurze Tag war längst vorbei, es war dunkel geworden, der Regen hatte nachgelassen, nur blies der Wind noch so heftig als wie zuvor. So ein Wind bläst meist nichts Gutes, dachte sich der Leutinger. Er hasste starken Wind, es sei denn er füllte die Segel dahin, wo man hin wollte. Doch dem, was einen verfolgt, bläst der Wind genausogut. Nur dem, welchen man die Stirn bietet, bläst er entgegen. Der Leutinger schlug sich kurz und heftig gegen die Stirn, solch blödsinnige Attitüden dahinter zu vertreiben. Du bist das Betzendorfer Bier nicht mehr gewohnt, dachte er. Und dann der Trottel Schröder mit seinem oeligen Regen. Der Leutinger blickte auf den fast leeren, gesprungenen Flakon auf dem Tischlein neben sich. Er hatte das Oel manches Mal auf seine Wunden gerieben und auch im Tuche gehabt, dass er vor den Mund sich hielt, als die Pest in Nafplio… wütete? Wie kann eine Krankheit Wut haben? Was soll’s? Er vermeinte, das Oel habe geholfen. Aber, wenn man daran glaubt? Warum nicht an alles Andere? Das sollen die Weiber regeln und die Pfaffen. Keine Artillerie-Leutnants aus Lüneburg. Morgen wäre der Wind vorbei, die Welt wie frisch geblasen, er würd‘ zu Söffken gehen, die wartete, wie brav, er war ja auch ein braver Kerl, das Brautgeld geben, ein bisschen was hatte er ja doch im Ranzen von den Zechini – Finger weg, gieriger Wirt! – und dann… und dann… davon wollte er jetzt träumen. Legte den Kopf aufs Kissen und schlief ein.

Vom Turm aus Betzendorf schlug die Mitternacht. Der Leutinger schlug die Augen auf. Wo bin ich? Eine Sichel von einem Türkenmond war aufgegangen und vergab nur wenig Licht, geizig. Das Fenster war auch nicht groß, durchs dicke, unebene Glas kam wenig hinein. Und das Feuer war wohl ausgegangen, nicht einmal ein Glimmen. Trotzdessen erkannte er schemenhaft eine dicke Truhe, einen Schemel, darauf wohl das Nest seiner Kleider, hinten schwarz das Rechteck der Tür, und erinnerte sich, wo er war. Nur eine Sichel von einem Türkenmond… an dem anderen Abend im Septembris war es anders gewesen, da stand ein voller Mond voll Licht und die Reflektion seiner Strahlen vom weißen Marmor war am Gleißen. Stilles, reines, jungfräuliches Licht, nicht wie das lärmende Feuerwerk der brünstigen Granaten. Ein stechender Schmerz fuhr ihm durch den Schädel. Potzblitz, das konnt‘ doch nicht das Bier sein! Vertrug er denn nichts mehr? Was raste ihm der Atem? Wieso lag er nass, wie in einer Pfütze, im Bade seines Schweißes. Woher kam die Angst? Bist ja noch ein üblerer Tellerlecker als der Schröder. Da fuhr ihm eine Hand durchs Gesicht, eine haarige Hand oder mit wollenen Handschuhen und der Leutinger schrie auf, hoch und schrill, wie die, die sie abgestochen. Fliehen, nur fliehen und wo ist das Messer? Da wieder die Hand durchs Gesicht, der Leutinger wollt aus dem Bett schnellen, verfing sich die Beine in den Decken und polterte bäuchlings zu Boden. Im selben Monat krallten sich zwei Hände in seinen Rücken, oh, die mochten lange spitze Nägel haben. Wieder schrie der Leutinger auf, die Nägel ließen los, dann klapperte es am Fenster. Jemand schlug davor, noch mehr wollten hinein zu ihm, Räuber, die Zechini stehlen.

„Zu Hilf! Man will mich morden!‟ rief der Leutinger und rollte sich halb unters Bett. Verdammt, du bist doch Leutinger und Soldat, hast etliche erschlagen, nun kauerst du in Daunen gefangen im Staub unter dem Bette? Wenn nicht der Schmerz so groß wäre in seinem Schädel, wie ein Hammer, aber von innen. Und immer noch rüttelte es am Fenster und klapperte und schatterte. Dann macht mir doch den Gar aus, fand sich der Leutinger ab, verdient hab ich’s wohl. Und er legte seinen pochenden Schädel auf die Holzdielen, bereit zu sterben. Schon wehte ihm der staubige Hauch des Todes durchs Gesicht, schon schrillten grell die Schreie der Erinnyen.

ENDE des ersten Teiles.

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