Der Leutnant und die Jungfrau – Teil Eins

DER LEUTNANT UND DIE JUNGFRAU

eine Geschichte von der Akropolis, erster Teil.

Wenn jemand aus dem lüneburger Sülztor Richtung Amelinghausen in der Heide marschieren würde, dann käme der Wanderer, je nachdem welchen Weg er wählte, hinter Embsen, doch noch bevor Drögennindorf an einem sehr seltsamen Bauwerk vorbei, das auf einer Anhöhe einige hundert Meter von der Straße zwischen zwei kleinen Wäldchen steht. Das Auge des Wanderers wird unweigerlich zu diesem Gebäude hingezogen, obwohl es doch nicht gleich am Wegesrand, sondern, wie gesagt, bestimmt hundert Meter entfernt davon steht, und kein Pfad oder Zugang hier abzweigt, denn es ist schneeweiß. Oder besser gesagt, es muss einmal schneeweiß gewesen sein, mittlerweile haben Wind und Regen und die immer eifrige Natur das, woraus auch immer es gemacht wurde, verwittern lassen. Auch hat niemand ihm in letzter Zeit, so wie es aussieht, große Pflege angedeiht. Die Risse indes und den zerbröckelnden Ziegel sieht man erst, wenn man sich aus Neugier näher an das Bauwerk gemacht hat. Den fleißigen Schafen ist es zu verdanken, dass es noch unverwachsen auf grüner Wiese steht, und keine Birken oder anderweitige vorwitzige Vegetation sich daran vergangen haben. Was ist das nun für eine Kreation? Es ist ungefähr so groß wie eine kleine Scheune oder eine große Remise, ein längliches Rechteck, wohl an die drei oder dreieinhalb Meter hoch, und, wie gesagt, weiß. Es ist jedoch nicht aus weißem Stein, geschweige denn Marmor, sondern, sieht man genauer hin, aus gebranntem Ziegeln gemauert, für den größten Teil, der – ich bin kein Experte auf diesem Gebiet – weiß angestrichen oder gekalkt wurde oder anderweitig gefärbt. Es hat vorne und hinten, wenn man wüsste, welches was ist, einen Giebel, so wäre es an einer Straße würde man sagen, es ist giebelständig und nicht traufenständig. Das Dach mit einer Neigung, sehr flach für unsere regnerische Region, ruht auf Säulen, die das Gebäude rings umgeben. So sieht es jedenfalls auf den ersten Blick aus, doch sind die Säulen eher unbeholfen aus eben jenen Ziegeln gemauert und nachträglich in eine runde Form gebracht. Kurzum, es ist ein kleiner klassischer Tempel, beziehungsweise besser gesagt: es ist ein Tempel in Miniatur, eine Kopie, sicherlich nicht maßstabsgetreu, und wie von einem unbeholfenen Kinde gefertigt. Oder wie von jemandem, den nur mal einer einen griechischen oder römischen Tempel beschrieben hat. Oder wie von jemandem, der zwar mal einen Tempel gesehen, vor sehr langer oder langer Zeit, der sich dann mit Mühe und Not daran erinnert, und sodann versuchte, aus der Erinnerung heraus das einst Gesehene nachzubilden. Der Tempel hat keinen Zugang, das Allerheiligste ist zugemauert. Zum Glück, denn schon die wenigen Stufen hinauf sind, wenn man es genau betrachtet, von Schafscheiße verunreinigt. Von den Schafen, den Schnucken, die ansonsten den Tempel frei halten von den Gewächsen der Heide, wie schon gesagt. Wie jedoch kam es zu diesem Miniatur-Tempel mitten in der grünen Landschaft Lüneburgs, die so recht wenig hat von den kargen Hügeln Arkadiens? Wer hat ihn errichtet? Und wieso?

Der Wanderer pfeift sich diese Fragen, nimmt seinen Stock, und geht strammen Schrittes weiter gen Amelinghausen. In Betzendorf hat es ein Gasthaus, ‚Zum Wilden Leutinger‘, da wird es ein Bier, ein Brot, hoffentlich ein Schinken und vielleicht die Geschichte zur Lösung der Rätsel geben.

Man schrieb das Jahr 1688. Es war ein hundsmiserabler Novembertag, von Abend oder Morgengrauen kaum zu unterscheiden, bis auf dass Otto Bakkhuus, der Wirt des ‚Wilden Mannes‘ in Betzendorf, den Regen, gleich winzigen Nadeln, zu sehen vermeinte, der ihn eiskalt in die geröteten Wangen stich, und in die Arme, als er mit dem Bierschröder noch ein Fass vom Karren hub.

„Schiietwetter!‟ fluchte der Wirt. Der Schröder grunzte.

Einerseit Schiiet, dachte der Wirt, denn wer will bei dem Wetter kommen. Andererseits nich Schiiet, denn wer kommt, wird bleiben. Er rieb sich die kalten Hände, während der Schröder das Fass zur Kellerluke rollte. Man wird ja sehen. Er streckte den Kopf und knispelte gegen den peitschenden Wind. Tatsächlich kam von der leichten Anhöhe hinab, aus der Richtung von Lüneburg, ein Mensch gegangen, wohl ein Mann, der Dreispitz mit Schal oder Schärpe fest am Kopf gebunden, den Stock fest in den Weg fast bohrend, einen prallen Ranzen am Rücken, nach vorne gebeugt, trieb ihn den Wind schneller voran als er wohl wollte. Dem tut ein Trank not, dachte der Wirt und wandte sich in seine Stube.

„Ich geh hinein,‟ rief er ins Kellerloch hinab. Der Schröder grunzte.

Wenig später betrat wie geahnt der Mann die Stube, drückte die Tür zu gegen die Elemente, band den Schal vom Kopfe und klopfte sich den Regen vom Hut, gegen den Balken der die niedrige Decke der funzeligen Stube stützte. Den Stock mit Silberknauf hatte er gegen die Wand gelehnt, den Ranzen zu Boden geschmissen.

„Otto, lebst noch, du Schmerbauch?‟ sprach er halblaut. Nun konnte man auch sein Gesicht sehen. Hager, sehr faltig für sein Alter um die Augen, als ob er oft gegen die Sonne kniff, und einen schon grauen, stubbeligen Bart. Leicht eingefallene Wangen, wenigstens ein paar Zähne mussten fehlen. Dennoch war es ein fast noch junger Mann, an die dreißig. Jetzt erkannte ihn der Wirt.

„Bei Gott,‟ rief dieser, „der Leutinger! Der Leutinger ist’s. Ist der Türke geschlagen?‟

„Der Türke schon, würde ich sonst hier stehen?‟ sagte der Mann, den der Wirt Leutinger genannte. „Der Türke schon, aber nicht die Pest,‟ murmelte er.

„Was?‟

„Keine Angst, ich hab sie nicht. Gib mir ein Krug vom Guten. Betzendorfer Bier. Wie hab ich das vermisst, bei geharztem Wein, noch harzigeren Weibern.‟

„Ich hab gerad ein neues Fass.‟ Der Wirt klatterte mit seinen Holzpantinen die Kellertreppe hinab. „Schröder! Der Leutinger ist wieder da,‟ rief er dabei. „Der soll uns was erzählen.‟

Bald drauf saßen Wirt, Schröder und Leutinger um einen massiven Eichentisch. Der letztere machte, jetzt wo man’s wusste, wahrlich einen recht martialischen Eindruck, auch wenn er keine Uniform trug, doch das Kreuz stets gerade hielt; ein langes Messer, beinahe eine Schiavona, hatte er aus seinem Gürtel gezogen und säbelte damit am geräucherten Schinken, den der Wirt, ausnahmsweise großzügig, neben den Krug Betzendorfer und drei Becherns aufs Brett gestellt hatte. Winzige schwarze Einsprengsel waren überall in Gesichtshaut und an den Armen des Leutinger, es sah aus wie Mohnsamen. Hatte er die am ganzen Körper? Wenn nicht die Pest, war es eine andere Seuche, die er von den Türkenkriegen nun ins schöne Lüneburg und Braunschweig trug?

„Was sind das für schwatte Pünktchen?‟ frug denn auch der leicht törichte Schröder. „Bist du krank?‟

„Bist du blöde, Schröder?‟ fuhr der Wirt dazwischen. „Der Leutinger war bei der Artillerie. Das ist Schwarzpulver, nich?‟

„Ja, das ist Schwarzpulver. Ging mir in Lungen und Haut. Auch die Ohren tun’s nicht mehr so recht.‟

Doch in dem Moment schlug plötzlich die Tür mit Gewalt und einem Knall auf und das hörte der Leutinger gar wohl, denn er erschrak, rutschte mit dem Messer vom Schinken ab und hätte beinahe dem Schröder einen zweiten Nabel gestochen, wenn der nicht geistesgegenwärtig zur Seite gerutscht wäre.

„Mensch, pass auf mit deiner Sense, ich bin kein Türkenbalg.‟ Der Schröder nahm es auf die leichte Schulter und zupfte sein Lederwams zurecht. Aber dem Leutinger stand der kalte Schweiß auf der Stirn und er war arg bleich geworden. So starrte er auf die offene Türe, die vom Wind musste aufgestoßen worden sein, denn weder Mensch noch Viech noch sonstwas war zu sehen oder hören. Nur der peitschende Regen, der nun schräg in die Stube fiel und den Steinfußboden netzte, und der heulende Wind. Die Deckenlampe fing an, im Takt zu schaukeln, und schlug Schatten.

„Ist das schon mal gewesen?‟ Der Leutinger sah den Wirt eindringlich an.

„Nee. Kaum. Du musst sie nicht richtig zugemacht haben. Und dann der Wind.‟ Die Reizbarkeit seines Gastes kam dem Wirt durchaus schon etwas seltsam vor. Vielleicht machte das der Krieg mit so einem. Die ständige Angst eine Kugel, eine Granate oder ein Messer zwischen Herz und Lebensnerv zu kriegen. Der alte Leutinger, der vor drei Jahren, im Januar 1685 nach Venedig aufgebrochen war, wäre nicht wegen einer losen Tür wie ein hochgezüchtes Weibsbild zusammengezuckt. Und jetzt schlackerte der Leutinger auch noch mit den Nasenflügeln, witterte wie ein Hund oder Pferd, dass dem Wirt es langsam gruselte, an diesem nassen, dunklen, stürmischen Novembertag. Warum ging er nicht die Tür schließen? Wieso schien der starrende Leutinger sie alle in Schockstarre zu halten? Da sprang endlich der Schröder, der wenig Phantasie hatte, auf, die Türe zu schließen, hielt dann inne.

„Schimmert der Regen nicht grünlich?‟

„Du hast wohl den grünen Star, Schröder.‟

Schon rutschte der Schröder auf den nassen Steinfliesen aus und knallte mit Arsch, Rücken und Hinterkopf zu Boden.

„Verflixt, das ist ja oelig.‟

Die beiden anderen eilten zu ihm.

„Oelig?‟ Der Wirt, der einen starken Magen hatte, strich mit dem Finger über die Steinfliesen, die tatsächlich schimmerten, und leckte. „Das ist kein Oel, das ich kenne.‟

Der Leutinger machte sich an seinem Ranzen zu schaffen, der noch immer neben der Tür lag, und kramte darin nach irgendwas. „Sie ist nicht hier,‟ murmelte er leise, „sie ist nicht hier.‟

Mittlerweile hatte sich der Schröder aufgesetzt und rieb den Hinterkopf.

„Das Oel ist im Regen.‟

„So’n Quatsch!‟ Der Leutinger schrie beinahe, besser bellte, wie der Offizier, der er gewesen war. „Hier!‟ Er hielt komisch triumphierend einen kleinen Glasflakon hoch, in dem noch ein Rest von einer grünlich-goldenen, zähen Flüssigkeit zu sehen war. „Das Glas muss zerbrochen sein, als ich den Ranzen abwarf. Dann ist es herausgesickert. Das war mein Oel des Dimitrios.‟

„Was für ein Oel ist das? Fürs Braten, für Kutschachsen, oder für die letzte Oelung?‟ Der Wirt verstand sich als Experte in Schmier- und Röstmitteln und war leicht beleidigt, dass er dieses Oel des Dimitrios nicht kannte.

„Das ist ein Oel, das habe ich aus einer griechischen Kirchen. Soll helfen gegen Allerlei. Aber ich hab’s nur aus Spaß dabei. Mir fehlt ja nichts. Macht nichts, das es alle ist. Vielleicht hilft es deinen Steinen.‟

Der Leutinger schien erleichtert und war wieder froh. Sowohl Wirt als auch Schröder waren indes nicht sehr zufrieden mit dieser nüchternen Erklärung. Möglicherweise weil derart eine vielversprechende Abwechslung in ihrem langweiligen Kosmos rasch und ohn‘ Spektakel Ende fand.

„Aber woraus wird das Oel gemacht? Aus Dimitriosen?‟ wollte der Wirt wissen.

„Das Oel war im Regen drin. Das bisken Oel aus der Flasche reicht doch nie und nimmer. Schaut wie viel auf dem Boden ist und aus der Flasche ist das meiste ins Ranzentuch gesickert,‟ insistierte der Schröder. „Es kam im Regen.‟

„Genug!‟ sagte ruhig, aber fest der Leutinger. „Es war im Flakon. Ihr wollt von meinen Reisen hören. Ich will Bier. Lasst uns wieder an den Tisch und keinen Unsinn reden.‟

Der Wirt holte rasch ein Tuch und wischte den Boden auf, der immer noch speckig schimmerte, und gesellte sich dann zu den beiden an den Tisch. „Nun erzähl, Leutinger. Wie war es bei den Türken?‟

„Wie soll’s gewesen sein? Wie soll ich euch Tellerleckern und Bärenhäutern das berichten?‟ Der Leutinger blinzelte in die runden, glänzenden Gesichter von Wirt und Schröder, die ihn mit großen Augen erwartungsvoll anblickten, wie’s Kind vor der Bescherung oder der Märchenstunde. Da musste er unwillkürlich in sich lachen, nahm eine Zug aus dem Becher und hub an.

„Na gut. Wie ihr wisst, am Januar ’85 ging’s in Hannover los. Im April waren wir über die Alpen, durchs Tirol, und standen auf dem Markusplatz zu Venedig – das ist eine Stadt, wo’s hat mehr Flüsse oder Gräben als Braunschweig und Lüneburg Straßen. Bestimmt dreitausend Manns waren wir, päpstliche, florentiner, maltesische, dalmatinische und hannoveraner. Ein Raunen wie zu Babel. Zu Befehl des Generalkapitäns Franziskus Morosini und des Marschalls Otto Wilhelm von Königsmarck musterten wir. Dann zu Schiff hinab die Adria in die Morea, was eine Halbinsel ist, die die Griechen Insel von Pelops nennen. Pelops, den die alten Götter zerstückelt und gesotten in Brühe aßen, wie mir einer sagte, der stets und zu viel las. Ich sag‘ euch, die Götter fressen da immer noch Menschen, den Buchwurm aber zerstückelte ein Stück von einer Säule bald, die die Türken von den Mauern von Koroni warfen, das wird ihn gefreut haben, so ein antiquarischer Tod, besser als ein Ledereimer brennendem Oel. Koroni war die erste Stadt, die wir belagerten. Faschinen geflochten, Batterien und Schanzen aufgeworfen, Sappen vorgetrieben. Ich und die meinen schossen Mörser und Granaten in die Stadt und Kanoniere bearbeiteten die Wälle. Dann gab’s den Sturm. Oh, da will keiner gern hinein. Von Nahe schossen die Türken mit Kettenkugeln, Eisen- und Bleistücken in uns; Weiber und Kinder warfen, wie ich sagte, Steine und gossen kochendes Wasser und Oel herab, dass es ein Grauen war anzusehen. Aber wir kamen in die Stadt und sie bekamen das ihrige, denn unterdessen wurde alles, was wir in Koroni antrafen, niedergemacht, auch die Weiber und Kinder nicht verschont, was überblieb, gefangen genommen und für gering Geld verkauft. Ich sag euch, Wirt und Schröder, die nächsten Städte ergaben sich lieber gleich.‟

Der Leutinger fuhr sich mit der Zunge über die Lippen, als sei ihm vom Erzählen trocken im Hals geworden. Eilfertig goss ihm der Wirt nach.

„Gab’s da ein Haremm?‟ warf der Schröder aufgeregt ein. Der Wirt schlug ihn mit der flachen Hand auf den Hinterkopf.

„Lass den Leutinger weiter berichten!‟

Dem Leutinger glänzten jetzt auch die Augen, nicht nur den gespannten Zuhörern, in glorreicher Erinnerung.

„Die Haremsdamen hat sich wenn der Morosini gegriffen, der venezianische Hund. Doch fanden wir silberne Handbecken, nebst allerhand kostbarem Silbergeschirr an Becher, Schüssel, Teller und dergleichen, schönste Röcke, Pelze. Im Überfluss Getreide, Mehl, Brot, Kaffee, auch allerhand Confituren. Tobak war in großer Menge gefunden. Die Kriegs-Cassa haben wir aufgeschlagen und die Zechini mit Hüten geteilt. Summa, alles was man nur erdenken möchte, wurd‘ zu Genüge gefunden.‟

Der Wirt betrachtete sich runzelnd die eher ärmlichen Kleider des Leutinger, den abgeranzten Ranzen, und frug: „Und wo ist all nun Becher, Schüssel, Röck, Pelzen, Tobak und Zechini?‟

„Pah. Ein jeder hätte allda gute Beute vor sich machen können, wenn der Tross und die Generäle nicht das Meiste genommen. Und außerdem… aber das ist… die andere Geschichte.‟

Der Wirt schnaufte, etwas enttäuscht. Er hörte am liebsten von Pelzen, Röcken und Zechini. Der Schröder schaute ebenso unbefriedigt. Er hörte am liebsten von Harems. Der Leutinger sah nichts, hörte nichts, er war noch auf Fahrt und Reisen.

„Wir, die Calenberger also, was übrig war, tausend Mann, schifften uns mit Generalkapitän und unserem Maximilian Wilhelm wieder ein, nachdem die Morea frei vom Türken war, und segelten gen Athen. Das sind so Worte. Athen, Attika, Alkibiades… auch von Sokrates hatte selbst ich schon mal gehört, von Xerxes, Marathon, Spartiaten und Themistokles. Wir auch segelten an Salamis, aber vorbei.‟

„Salamis mag ich,‟ meinte wer? Natürlich der Schröder. Der Leutinger ignorierte ihn.

„An Salamis segelten wir vorbei, die vielmastigen Schiffe, und ankerten, ohne dass uns jemand gekommen wäre im Piräus, am einundzwanzigsten Septembris. Wir waren insgesamt, ach, so zehntausend. Ich sag euch, Bakkhuus, mehr waren da auch an Türken und Griechen nicht, die Polis mit dem großen Namen ein ganz kleines Nest, eigentlich, dreckige Hütten, Maultiere, ein Bummelnest, hier und da Olivenhaine.‟

Der Leutinger roch an seinen Fingern. Pulver? Oel? Die sülzige See? Verdammt, nun musste selbst der Wirt an seinen Fingern schnüffeln. Bier und Schinken, wie immer. Oder war da was? Scharfes? Fruchtiges? Er wischte sich die Hand an der Schürzen ab.

„Und dann?‟

„Dann kampierten wir da. Die Türken, also die Soldaten, also ebenso aber ihre Weiber, Kinder – dreihundert vielleicht? – hatten sich geflüchtet in die Feste, die… auf dem großen Felsen, ihr wisst doch, weithin zu sehen, ein hohes Minareh, grässlich irgendwie, es sah aus wie ein hoher Schlot an einer Esse, wie ein Kreuz, ein Baum, eine Fahne, hier musst du hin, haben wir auf den anderen Hügeln, Pnyx, Philopappu, Aeropagus, des Kriegsgottes Hügel also, hat Königsmarck die Batterien hingestellt, aber ich dachte schon, wenn du hineinwillst mit einer Granata, wisst ihr, dass es Äppels gibt da, wie Granaten, mit hunderten roten Kügeln darin, zwei, drei Tage später kam von den Türken ein Deserteur hinab vom Fels, der sagte, da haben sie ihr Pulver drin, alles Pulver, ihr Magazin. Da soll auch ein Oelbaum oben stehen, von ihr, ich hab sie später nicht gefunden.‟

Der Leutinger seufzte. Nach seiner wirren Rede. Die anderen beiden blickten ihn höchst verdutzt an. Der Schröder drehte die Spitze seines ausgestreckten rechten Zeigefingers an der Schläfe. Der Wirt schüttelte unwillig, missbillig den Kopf, dem Schröder aber. Dem Leutinger klopfte er sanft auf die Schulter.

„Du bist wohl müde.‟

„Ach, was, verzeiht. Es schien mir gerad, als sei ich wieder dagewesen. Soll ich berichten, wie ich wieder zurück?‟

„Oh ja…‟ sagte Schröder.

„Oh ja…‟ sagte Wirt.

Nur war es mit der Plauderlaune beim Leutinger wohl vorbei. Still saß er, wie ausgeblasen und in sich gekehrt, lehrte einen Becher, dann den nächsten.

„Willst du heute Nacht hier bleiben, Leutinger?‟ fragte endlich der Wirt. „Oder gehst du weiter zu den deinen?‟

„Oder gehst du weiter zum Söffken?‟ sagte der Schröder mit einem schiefen Grinsen. „Sie wartet nun schon mehr als drei Jahr, das arme Mädken.‟

„Halt’s Maul, Schröder,‟ blaffte der Leutinger, aus seinem Stupor erwachend. Zum Wirt: „Wie geht es Sophie?‟

Der Wirt zuckte die Schultern. „Gut. Hierhin kommt sie nicht. Sie wartet wohl auf Dich.‟

„Bring mich nach oben. Ich will schlafen.‟

„Soll ich Agnes den Ranzen auswaschen lassen?‟

„Nein.‟

Mit schweren Beinen stand der Leutinger auf, ging schwer zur Treppe und hinauf, den Ranzen in der Hand. Der Wirt folgte ihm, Messer, Stock und Hut, Lampe tragend. Schröder sah ihnen kurz nach, rieb sich die Beule am Hinterkopf, schüttete den Rest aus dem Krug in seinen Becher und trank selig.

Den ganzen Nachmittag hatte der Leutinger durchgeschlafen, dann musste er hinab in den Hof zum Abtritt, ließ sich vom Wirt Wasser geben und legte sich wieder zu Bett. Der kurze Tag war längst vorbei, es war dunkel geworden, der Regen hatte nachgelassen, nur blies der Wind noch so heftig als wie zuvor. So ein Wind bläst meist nichts Gutes, dachte sich der Leutinger. Er hasste starken Wind, es sei denn er füllte die Segel dahin, wo man hin wollte. Doch dem, was einen verfolgt, bläst der Wind genausogut. Nur dem, welchen man die Stirn bietet, bläst er entgegen. Der Leutinger schlug sich kurz und heftig gegen die Stirn, solch blödsinnige Attitüden dahinter zu vertreiben. Du bist das Betzendorfer Bier nicht mehr gewohnt, dachte er. Und dann der Trottel Schröder mit seinem oeligen Regen. Der Leutinger blickte auf den fast leeren, gesprungenen Flakon auf dem Tischlein neben sich. Er hatte das Oel manches Mal auf seine Wunden gerieben und auch im Tuche gehabt, dass er vor den Mund sich hielt, als die Pest in Nafplio… wütete? Wie kann eine Krankheit Wut haben? Was soll’s? Er vermeinte, das Oel habe geholfen. Aber, wenn man daran glaubt? Warum nicht an alles Andere? Das sollen die Weiber regeln und die Pfaffen. Keine Artillerie-Leutnants aus Lüneburg. Morgen wäre der Wind vorbei, die Welt wie frisch geblasen, er würd‘ zu Söffken gehen, die wartete, wie brav, er war ja auch ein braver Kerl, das Brautgeld geben, ein bisschen was hatte er ja doch im Ranzen von den Zechini – Finger weg, gieriger Wirt! – und dann… und dann… davon wollte er jetzt träumen. Legte den Kopf aufs Kissen und schlief ein.

Vom Turm aus Betzendorf schlug die Mitternacht. Der Leutinger schlug die Augen auf. Wo bin ich? Eine Sichel von einem Türkenmond war aufgegangen und vergab nur wenig Licht, geizig. Das Fenster war auch nicht groß, durchs dicke, unebene Glas kam wenig hinein. Und das Feuer war wohl ausgegangen, nicht einmal ein Glimmen. Trotzdessen erkannte er schemenhaft eine dicke Truhe, einen Schemel, darauf wohl das Nest seiner Kleider, hinten schwarz das Rechteck der Tür, und erinnerte sich, wo er war. Nur eine Sichel von einem Türkenmond… an dem anderen Abend im Septembris war es anders gewesen, da stand ein voller Mond voll Licht und die Reflektion seiner Strahlen vom weißen Marmor war am Gleißen. Stilles, reines, jungfräuliches Licht, nicht wie das lärmende Feuerwerk der brünstigen Granaten. Ein stechender Schmerz fuhr ihm durch den Schädel. Potzblitz, das konnt‘ doch nicht das Bier sein! Vertrug er denn nichts mehr? Was raste ihm der Atem? Wieso lag er nass, wie in einer Pfütze, im Bade seines Schweißes. Woher kam die Angst? Bist ja noch ein üblerer Tellerlecker als der Schröder. Da fuhr ihm eine Hand durchs Gesicht, eine haarige Hand oder mit wollenen Handschuhen und der Leutinger schrie auf, hoch und schrill, wie die, die sie abgestochen. Fliehen, nur fliehen und wo ist das Messer? Da wieder die Hand durchs Gesicht, der Leutinger wollt aus dem Bett schnellen, verfing sich die Beine in den Decken und polterte bäuchlings zu Boden. Im selben Moment krallten sich zwei Hände in seinen Rücken, oh, die mochten lange spitze Nägel haben. Wieder schrie der Leutinger auf, die Nägel ließen los, dann klapperte es am Fenster. Jemand schlug davor, noch mehr wollten hinein zu ihm, Räuber, die Zechini stehlen.

„Zu Hilf! Man will mich morden!‟ rief der Leutinger und rollte sich halb unters Bett. Verdammt, du bist doch Leutinger und Soldat, hast etliche erschlagen, nun kauerst du in Daunen gefangen im Staub unter dem Bette? Wenn nicht der Schmerz so groß wäre in seinem Schädel, wie ein Hammer, aber von innen. Und immer noch rüttelte es am Fenster und klapperte und schatterte. Dann macht mir doch den Gar aus, fand sich der Leutinger ab, verdient hab ich’s wohl. Und er legte seinen pochenden Schädel auf die Holzdielen, bereit zu sterben. Schon wehte ihm der staubige Hauch des Todes durchs Gesicht, schon schrillten grell die Schreie der Erinnyen.

ENDE des ersten Teiles.

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